Um kurz vor vier schalte ich den Wecker aus, denn ich bin sowieso schon wach. Eigentlich nur der Körper, dem Geist muss ich mit einem starken Kaffee helfen. Die Nudeln vom Vorabend schmecken scheußlich, nach einem halben Teller gebe ich auf. Warum mache ich das nochmal? Die Stimmen in meinem Kopf schweigen. Ins Bad…. Jede Katze wäre stolz auf mich, in Anbetracht der Wassermenge die ich nicht verbrauche. Habe ja vor wenigen Stunden erst geduscht. Das Bike und der Rucksack stehen im Flur. Was wäre, wenn ich mich einfach wieder hinlege? Keine Antwort, keine Ausreden, dann muss ich wohl. Frau und Kind bekommen einen Abschiedkuss und ich bin weg. Es dämmert, in meinem Rücken läuten rote Wolken den bevorstehenden Sonnenaufgang ein.

Die ersten Kilometer fühlen sich tranceartig an, das hatte ich bereits während einer Sonnenaufgangsfahrt vor einigen Tagen festgestellt. Als läge ein Teil von mir noch Bett und träume das alles. Nachdem ich gestern abend in Sachen Streckenauswahl keine Ergebnisse vorweisen konnte, lasse ich nun den Bauch entscheiden. Rechts, links, rechts, links, rechts, links…. was sich liest wie Marschbegleitung, ist in Wahrheit die Abfolge der Entscheidungen, die mein Bauch trifft. Es geht also Richtung Frankfurt, ok, dann soll es sein.

Es ist zwanzig nach fünf, die Sonne geht auf. Hasen und sogar ein Fasan kreuzen meinen Weg. Die erstaunlich zahlreich anzutreffenden Frühsportler beim Lauf- oder Radtraining werden alsbald von Pendlern auf Fahrrädern abgelöst. Zielstrebig nähere ich mich der Mainmetropole, dem Moloch Frankfurt. Sofort wird das Radfahren unentspannt. Ich lege einen Zahn zu, damit ich schnell wieder draussen bin.

Um sicher den Weg um die Commerzbankarena und den Flughafen zu finden, nutze ich das Navi, welches mich prompt mehrfach fehlleitet. Im Schwanheimer Wald fahre ich an einem Gatter vorbei und finde mich alsbald auf einem Trail wieder. Was solls, die Richtung stimmt ja. Blöd nur, dass ich im Kreis fahre und irgendwann fluchend im Wald stehe. Also zurück und jetzt sehe ich auch das Gatter, das dem Wandersmann die Möglichkeit bietet, die Autobahn mittels Unterführung sicher zu kreuzen. Wieder entspannt radle ich am Main entlang. Immer der Beschilderung Mainspitze folgend. Die Gegend gefällt mir irgendwie. Links ein Industriegebiet im Grünen, rechts kleine Jachthäfen und Verladekräne.

Über Flörsheim erreiche ich endlich Rüsselsheim und hier führt mich das Navi wieder ins Nirvana, so dass ich es entnervt ausschalte. Blöd auch, das das iPhone, dass als Mädchen für alles herhalten muss, nun keinen Saft mehr hat. Aber Papa hat ja vorgesorgt und schliesst der Geräd an eine kleine Chargereinheit an. Kurz nach dem erneuten Aufsitzen, ereilt mich das, was ich den BikeBlackOut nenne. Das bedeutet, ein Teil des Gehirns geht für eine ganze Weile in den StandBy-Modus. Geweckt werde ich von einer radelnden Familie unbekannter Herkunft und Nationalität, die ich überhole, worauf Frau Mama sehr erschrickt und sie schreit, was mich wiederum erschrickt. Der Herr Vater, halbnackt auf dem Rad, bleibt entspannt. Auf jeden Fall passiert das kurz vor Mainz.

Als ich den Rhein überquere fühlt sich das irgendwie sehr gut an, ich werde leicht euphorisch und überlege mir, doch die ganze Strecke heute abzurollen, 310 km, das schaffe ich doch mit links. Genauso schnell wie es da war, verschwindet Mainz wieder. Ich gönne mir eine Pause, fülle die Wasserflaschen auf, esse ein Käsebrötchen und trinke einen Kaffee. Es ist kurz nach neun und es stehen 97 km auf der Uhr. Da ich in der Hektik den Flaschenhalter verkehrt herum montiert hatte, zücke ich das Multitool, als die Familie mit der schreienden Mama und dem halbnackten Papa anrollt. Langsam sind die auch nicht unterwegs. Sie treffen sich hier mit einer Horde Frauen gleich rätselhafter Nationalität. Gemeinsam brechen sie in Richtung Fähre nach Rüdesheim auf. Spalter! Ich drehe den Flaschenhalter und schaue auf die Uhr. Inzwischen habe ich hier eine halbe Stunde Pause gemacht, nichts wie los. In Ingelheim verfahre ich mich wieder, weil ich die Augen nicht aufmache. Also wieder kehrt marsch. Der Radweg ist eher ein Feldweg, mit Wurzeln quer zur Fahrtrichtung, grobem Kies und Steinen, dafür fahre ich an wunderschönen Rheinbuchten vorbei, die zum Schwimmen einladen.

Die Euphorie ist wieder da, der Durst immer noch, denn es wird wärmer. Kurz vor Bingen fülle ich also die Wasservorräte nochmal auf.

Am Rhein-Nahe Eck mache ich eine Fotopause und frage 3 Jugendliche, wie weit es noch nach Koblenz ist. „70 km“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Ungläubig starre ich auf mein Telefon. Strava zeigt mir 130 gefahrene km. Bis Koblenz sollten es laut Navi 165 km sein. Irgendwas läuft hier falsch, entweder meine verfahrenen Eskapaden kosten mich fast 30 km oder den Jungs sind die 12 Dosen Bier zu Kopf gestiegen, die sie hier in praller Sonne getrunken haben. Am Ende sollen sie Recht behalten. Hunger! Wo ist das Versorgungsfahrzeug, wenn man es braucht. Und so gibt es in Niederheimbach Spaghetti Bolognese, 2 Dosen Cola und wieder 1 l Wasser. Auch das Akkupack wird vom freundlichen Gastronom geladen. Nach einer angemessenen Verdauungspause, fahre ich eine Zeit lang noch den malerischen Radweg am Rhein entlang, bis dieser das Rheinufer mit seinen schattenspendenden Baumbeständen und Badebuchten verlässt, um von nun an parallel zur Bundesstraße zu verlaufen. Der Rhein fliesst nun unter mir, über mir stehen Burgen und solche die es mal waren und Weinberge im Sonnenlicht. Der Rhein ist schon eine coole Socke, denke ich mir. Sucht sich das schönste Stückchen Landschaft aus und gestaltet dieses nach Gutdünken um. Wegen der Hitze muss ich das Tempo nochmals reduzieren, ich bin ohnehin schneller als erwartet vorangekommen. Da grüßt mich die Loreley von ihrem Felsen und prompt nutzt eine Einbuchtung der Strassenarmierung die Gunst der Stunde und springt mir in den Weg. Ich reisse den Lenker nach links, das Rad folgt brav und direkt und hinter mir hupt ein nervöser LKW-Fahrer. Die Strecke bis St. Goar zieht sich endlos und mein Plan die Strecke doch komplett zu fahren, bekommt weitere Risse. Aber irgendwann rolle ich doch durch das beschauliche Städtchen. Wie viele Bett und Bike-Hotels es hier gibt. Schnell weiter….

Bei Boppard lässt die Nähe des Radwegs zum Ufer es endlich zu, mich in die Fluten zu stürzen. Hier gibt es keinen chilligen Sandstrand, sondern nur eine Muschelbank, das ist mir aber sowas von Wurst. Ich bleibe etwa eine halbe Stunde, bis sich mein Bauch mit der Mitteilung meldet nun zügig weiterzufahren, um ein Klo aufzusuchen. Waren die Nudeln von fragwürdiger Herkunft oder das Fleisch in der Soße gar? Vermutlich waren es die beiden auf Ex getrunken eiskalten Dosen Cola? Oder wieder mal das blöde Sorbit in dem Elektrolytzeug, was ich genau wegen dieser Ingredienz im Mädchenmixverhältnis von 1:5 statt 1:2 trinke…. Egal, irgendwas will da raus. Koblenz denke ich mir, ich muss sofort nach Koblenz. Und die Wunschfee zeigt sich ausnahmsweise gnädig und spendiert eine Runde Rückenwind.

In einem Biergarten bestelle ich mir der Elektrolyte wegen ein Weizen Alkfrei und lasse der Natur ihren Lauf. Entspannt trinke ich aus, telefoniere kurz mit meiner Frau, bezahle und möchte mir nun wirklich eine Bleibe für die Nacht suchen. 190 km reichen doch… erleichtert, den richtigen Entschluss getroffen zu haben, steige ich aufs Rad und folge der Beschilderung zum Deutschen Eck.

Dort gibt es das obligatorische Panoramafoto und mir fällt auf, dass ich inzwischen alle 25 km eine kurze Rast mache. Ich sollte es wirklich sein lassen für heute. „Wo liegt eigentlich dieses Andernach?“, fragen die Stimmen in meinem Kopf nun. Fahren wir hin, dann wissen wirs. Also nochmal 25 km. Nach 12 km finde ich eine schöne Herberge mit Blick auf den Kühlturm eines Kraftwerks. Das gefällt mir nicht. Andernach ist übrigens sowas wir ein Wohnindustriegebiet in dem es stellenweise bezaubernd riecht. „Remagen kennen wir, da gabs mal so einen Film über eine Brücke.“, sagen die Stimmen in meinem Kopf unisono. Na gut, sind ja nur 29 km. 8 km vor Remagen checke ich in Bad Breisig in einem Hotel ein, weil ich am Weiterfahren mittels Verbotsschild gehindert werde. Na gut, morgen ist auch noch ein Tag. Später erfahre ich per Telefon, dass ich an meinem Zwischenziel Korschenbroich erst am Sonntag erwartet werde.

Mal sehen, was ich morgen mache. 😊

Gute Nacht!