Knie-Fuss-Instabilität, Hüftschiefstand, Bandscheibenvorfall, Probleme mit dem Iliosakralgelenk und eine Verletzung der Rotatorenmanschette. Ich wundere mich und bin doch gleichzeitig sehr froh, dass ich weitestgehend schmerzfrei Fahrrad fahren kann, denn ich bin eine Memme, ein Turnbeutelvergesser und Weissmehlbrötchen, das beim kleinsten Anzeichen eines Wehwehchens die Couch dem Rad vorzieht. Was in der Regel aber meine Laune nicht verbessert, es sei denn ich dope mich massiv mit Schokolade in fester und flüssiger Form, wovon mir aber alsbald schlecht werden würde. Dann doch lieber aufs Rad.
Die Schmerzen habe ich der Regel nach dem Rad fahren. Meistens ist es das rechte Knie, um genau zu sein handelt es sich um eine Tendinose des Oberschenkel-Bizeps. Nach längeren und anstrengenden Touren zwickt es auch mal in der linken Schulter. Zwei Gründe zuviel, sich noch länger einer Sitzpositionsanalyse zu verweigern, denn oft ist ein falsch eingestelltes Rad verantwortlich für Beschwerden wie z.B. Schmerzen während oder nach der Ausfahrt. Das ein Bikefitting keinen Arztbesuch ersetzt, muss ich vermutlich nicht extra erwähnen.
Im Bergzeit Magazin hatte ich bereits im Sommer 2014 einen interessanten Bericht von Klaus Lehner über das Radlabor in München gelesen.
Am 12. Oktober diesen Jahres hatte ich dann Gelegenheit, mein Rad und mich dieser besonderen Form der Beziehungspflege zu unterziehen. Meine stets mitfühlende Frau hatte mir einen entsprechenden Gutschein geschenkt, einzulösen beim Radlabor in Frankfurt. Labor klingt nach grellweißem Licht, blitzblanken Kacheln und dem Geruch von Desinfektionsmitteln. Tatsächlich erwartet den Besucher aber eine loftähnliche Architektur in einem Hinterhof. Und statt eines hektischen Wissenschaftlers in weißem Kittel empfängt uns ein entspannter Stefan Zelle, der die Laborleitung inne hat. Bei einer Tasse Kaffee erörtern wir, wo es zwickt und was ich mir von einem Bikefitting verspreche. Bereits im Vorfeld hatte ich online eine Art Anamesebogen unter Angabe meiner Beschwerden und einer Selbsteinschätzung ausgefüllt. Aber grau ist jede Theorie. Nach dem Gespräch wurde der Ist-Zustand ermittelt, dazu wurden das Gefährt und ich detailiert vermessen. Die Ermittlung von Brustbein- und Beckenhöhe, Schulterbreite, Innen-, Außenbein-, Unterschenkel-, Ober- und Unterarmlänge unterschied sich dabei erheblich von den mir aus Fahrradgeschäften bekannten Vermessungen.

Auf dem Rad wurde mein Bewegungsmuster analysiert. Basierend auf den Messwerten wurden in meinem Fall Empfehlungen für die Sitzhöhe und -länge, Sattelposition und Lenkerhöhe erarbeitet und auf das Rad übertragen. Auch die Gelenkwinkel wurden so optimiert. Im Anschluss daran wurden mein Fussgewölbe und meine Fussstellung analysiert und die Position der Cleats korrigiert, da sich auch hier Fehlstellungen oft schmerzhaft, in allen Fällen aber leistungsmindernd bemerkbar machen. Während der rund 1,5 stündigen Analyse hatte ich das Gefühl, nicht nur analysiert, sondern auch umfassend beraten worden zu sein. Vor dem Besuch hatte ich mich gefragt, was wäre wenn es an meinem Rad nichts zu optimieren gäbe? Wenn die Kombination aus Popometer, persönlichen Vorlieben und Erfahrung nach Jahren des Radfahrens ausgereicht hätte, zu dem gleichen Ergebnis wie die Vermessung zu kommen? Der Konjunktiv verrät es: es reichte nicht. Stellenweise waren meine Einstellungen zwar nahe an der Empfehlung, bei der Sattelposition und vor allem der Einstellung der Cleats lag ich aber deutlich daneben. Und was bringen mir nun die Erkenntnisse und Eingriffe? Das wird sich spätestens in der nächsten Saison zeigen. Unmittelbar nach der Vermessung hatte ich aber das Gefühl einer besseren Kraftübertragung. Grund genug, die ermittelten Werte auf meinen Crosser zu übertragen. Damit man diese nicht vergisst, erhält man nach Abschluss der Analyse eine schriftliche Auswertung mit allen Messergebnissen, die auch online zur Verfügung steht. Mein Fazit: das Geld und die Zeit für das Mediumpaket sind definitiv gut angelegt. Interessant wäre auch eine Pedalkraftanalyse gewesen, aber nach den guten Erfahrungen werde ich diese zusammen mit einer Leistungsdiagnostik im Frühjahr 2016 angehen.