Oder: Warum ich Rennrad fahre

Keine Geometrieangaben, kaum ein Wort über Ausstattungsmerkmale, keine kopierten Textauszüge aus einem Katalog und auch keine Vergleiche mit anderen Modellen. Der Leser fragt sich mit Recht, was das für eine Art Review sein soll? Es sei gesagt, dass mein Domane keine Verbesserungen an der Ausstattung erfahren hat. Getauscht wurden nur dann und wann Reifen und Schläuche, auch mehrfach und gezwungenermaßen, sowie das Lenkerband. Bis dato habe ich mit dem Rad 4.500 km wechselnden Strassenbelag befahren, wobei die längste Radfahrt am Stück 230 km (zu lesen hier) umfasste. Dieser Post erfuhr bis zur Veröffentlichung über 10 Monate verteilt 75 Revisionen.

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Sommer 2013. 3 Wochen Mountainbiken mit Freunden am Gardasee. Die üblichen Verdächtigen. Ponale, Pregasina, Sentierro della Pace, 601, Tremalzo, Laghel. Nachmittags lagen wir in der Sonne, abends wurde gegrillt oder wir gingen essen. Alle waren ausgelassen und bester Laune. Doch mir gelang es nicht, zur Ruhe zu kommen. Mal fühlte ich mich deplaziert, mal aus unerfindlichen Gründen bedroht, dann wieder bedrückt. Umgeben von Freunden fühlte ich mich einsam. Dieser negative Gefühlsmix war mir zwar nicht fremd, sondern eher so etwas wie ein alter Bekannter, bis dato kam dieser allerdings nur ab und zu für ein paar Tage vorbei. Im Sommer 2013 nistete er sich aber dauerhaft bei mir ein und teilte mir lapidar mit, er wohne jetzt bei mir. Noch während des Urlaubs manifestierte sich der Wunsch neu zu beginnen. Aber wo anfangen? Alles hinter mir lassen, in der Hoffnung auch jede negative Regung dadurch ablegen zu können? Familie und Freunde vor den Kopf stoßen? In den letzten Jahren hatte ich zu beiden Möglichkeiten hinreichend Erfahrungen gesammelt, um diese auszuschließen. Mir professionell helfen zu lassen, schloss ich für mich aus, dafür ging es mir, wie ich heute weiss, noch nicht schlecht genug. Wo fängt man also an?

Mitte der 90er fuhr ich meinen Problemen einfach davon. Indem ich mich aufs Rad setzte und in die Pedale trat, entfernte ich mich von allem, was mich belastete. Mit dem Mountainbike gelang mir das nun aber nicht mehr. Vielleicht war es an der Zeit auf etwas schnelleres umzusteigen? Klingt naiv? War es auch, aber dennoch ein aktivierender Neustart.

Kurz nach der Rückkehr aus dem Urlaub betrat ich also den Verkaufsraum eines befreundeten Radhändlers. Und kurze Zeit später schob ich ein Trek Madone durch die Tür, welches ich mir zum Probe rollen ausgesucht hatte. Über den Hof beschleunigte ich auf eine kreuzende Straße. Wie gewöhnlich reagierten ein paar Autofahrer automatisch allergisch, als ein Radfahrer ihren schnelleren Weg kreuzte. Allerdings war ich dank kompakter Maße und direktem Antrieb weg, bevor die Gaspedale richtig durchgetreten werden konnten und die große Hatz begann. Nach links bog ich in eine ruhige Seitenstraße ein und ließ die Maschine rollen. Zugegeben, das fühlte sich gut an, aber nur im Inneren. Körperlich kam ich mir vor, wie auf einer Streckbank und es zwickte bereits nach zehn Minuten rund um die Lendenwirbel. Länger gab ich dem Bike auch nicht, mich von seinen Qualitäten zu überzeugen. Das war es nicht. Genau so sagte ich es auch dem Dealer meines Vertrauens. Dieser kennt mich schon über zwei Jahrzehnte und hatte auch maßgeblichen Anteil daran, dass ich 1995 mein erstes MTB kaufte. Er erzählte mir etwas von einer Alternative, irgendetwas mit Isospeed, Dämpfung, aufrechter Sitzposition und jeder Menge böhmischer Dörfer. Und bevor ich mich versah, war ich Besitzer eines Trek Domanes 4.3.

Schon die erste kurze Runde mit dem Neuerwerb zauberte mir ein breites Grinsen ins Gesicht und die kurz darauf folgende längere Testfahrt war wie eine Offenbarung. Das Rad fahren glücklich macht ist kein Geheimnis. Die vielen, meistens im Wald abgefahrenen Kilometer der letzten Jahre, hatten aber ähnlich wie bei einseitiger Ernährung, zu Mangelerscheinungen geführt. Was ich auf dem Rennrad wieder zu Genießen lernte war, wenn man so will, die Essenz des Radfahrens. Das sich bewegen, um der Bewegung willen. Auf oder mit dem Mountainbike, wollte ich immer irgendwohin, um etwas bestimmtes zu tun. Das Rad musste zum Trail, in den Bikepark oder an den Gardasee bewegt werden, um es dort adäquat nutzen zu können. Das Rad fahren an und für sich habe ich nicht mehr als Erlebnis begreifen können. Auch aus Unsicherheit ging ich Kompromisse ein, die mir letztlich den Spaß am biken fast verdarben. Ein Ausdruck meiner permanenten Unzufriedenheit war das Verlangen, häufig die Bikes zu wechseln, um trotzdem nie das richtige, das eine Bike für alles zu haben, denn konsequent wählte ich die Räder nicht nach meinen Talenten und Vorlieben aus. Und meine Eier waren meistens kleiner, als die Potenz der Räder.

Dann eben Rennrad…. aber Moment mal. Ist denn nicht gerade ein Rennrad eine auf einen sehr eingeschränkten Einsatzzweck getrimmte Maschine? Auf jeden Fall, aber mich brachten bereits die ersten Kilometer auf dem neuen Gefährt quasi zur Besinnung. Das es nämlich in meinem Fall eigentlich egal ist, auf was ich unterwegs bin, so lange ich unterwegs bin. Welche Offenbarung. Als ich Mitte der 90er das Mountainbike für mich entdeckte, hatte ich Ähnliches erfahren (Darüber gibt es hier mehr zu lesen). Zunächst als Mittel zum Zweck genutzt, stellte sich recht bald die pure Freude ein, die es bereiten kann, aus eigener Kraft auch weite Strecken entspannt zurücklegen zu können. Gelegenheiten gab es genug, denn mangels Auto fuhr ich mit dem Rad überallhin. Und nach einer Runde auf dem Rad ging es mir immer besser als davor. Strecke machen gehörte für mich also immer irgendwie dazu. Was mich weniger interessierte war, wie lange ich unterwegs war. Subjektiv schnell gefahren war schnell genug. Und der neue Renner war sehr schnell.

Was hat sich seit Erwerb des Rennrads geändert?

  1. Ich fahre kaum noch Mountainbike…
  2. und habe mir noch einen Crosser zugelegt.

Ersteres aber nicht, weil es mir keinen Spaß mehr macht. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Wenn ich zum Mountainbike greife, dann weil ich wirklich Bock habe. Der Spaßgewinn ist dabei der Antrieb. Zum Auspowern und zum ‚Training‘ nehme ich aber gerne den Renner. Inzwischen fahre ich regelmäßig Touren jenseits der 100 km und mir steht der Sinn nach mehr. Zum täglichen Pendeln war mir das Domane schlicht zu sportlich und auch für Touren mit der Familie eher ungeeignet, daher kam ein Jahr nach dem Rennrad noch ein Crosser ins Haus. Ein Bombtrack Hook 2, aber dazu evtl. später mehr.

Abschliessend stelle ich fest, dass ein neues Bike natürlich keine psychischen Probleme lösen kann, aber es ist mehr als geeignet, um die Symptome zu mildern.

Ride every day, life is better in bibshorts. 😉

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