201651Ist man an einer nachhaltigen Erschütterung seines Selbstbildes interessiert, hilft es in alten Fotografien aus Kindheitstagen zu kramen. Fotos mit so klangvollen Namen wie „Bübchens 1. Schultag“ oder „Der kleine Held am Strand“ eignen sich vortrefflich, einem die nachmittägliche Kaffeelaune gründlich zu vermiesen. Am besten lädt man zur Sichtung gleich noch Mutter und Schwiegermutter ein und spart sich so die konfrontative Therapie. Eine gewisse Kongruenz zwischen Selbst- und Fremdbild ist nicht bedenklich, jedoch sollte man von Zeit zu Zeit sein Selbstbild einer Überprüfung unterziehen, vor allem wenn man sich vorrangig in wertschätzenden Umgebungen aufhält. Wie hilfreich kann da ein Foto sein, welches man in einer Online-Fotodatenbank findet. In meiner Erinnerung an den 1. Mai diesen Jahres zum Beispiel, bewegte ich meinen durch Askese gestählten Körper in Flammen gewandet dem Ziel des Klassikers ‚Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt‘ entgegen. Die ungeschminkte Wahrheit sieht anders, in diesem Fall sieht sie sogar ungemein zottelig aus. Das Trendphänomen Bart erweist sich als völlig inkompatibel zu Gegenwind, auch wenn ich gerne und ausgiebig behaupte, wie pflegeleicht und unkompliziert so ein Gesichtsbewuchs ist. Ist er nicht! Mit allen mir zur Verfügung stehenden Ölen, Balsamen, Wachsen, Rosenholzkämmen und Wildschweinborstenbürsten ist der Bart eines Radfahrers im alles entscheidenden Moment nicht zu bändigen. Dann nämlich, wenn ein Streckenfotograf voll der Heimtücke am Scheitelpunkt einer Kurve auftaucht und einem nichts anderes übrig bleibt, zumindest den Versuch zu wagen, freundlich zu lächeln. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Barbier.

 

Foto: SportOnline