Du weißt, was Du am Wochenende getan hast, wenn Du Teil des ersten Votec Gravel Fondo im Schwarzwald warst. Die Strecken waren abwechslungsreich und anspruchsvoll, die Orga vorbildlich, die Kommunikation im Vorfeld und während des Events freundlich. Dazu noch die grandiose Kulisse des Schwarzwalds, die jeden der kräftezehrenden Anstiege mit Landschaftseindrücken der Superlative belohnte. Und auch die Verpflegung hätte passender nicht sein können, denn statt Keksen, Riegeln und Zitronenteegranulat, wurden selbstgebackene Schwarzwälder, Apfelstreusel, Schinken, Gurken und leckerer Käse, mit oder ohne Bauernbrot gereicht. Dazu sehr guter Kaffee oder ein alkfreies Tannenzäpfle. Nachahmer dürften es sehr schwer haben, Deutschlands erstes 2-tägiges Gravel Fondo Event zu toppen. Das war die Kurzversion… wer Lust und Zeit hat, darf aber gerne weiterlesen.

Wenn es nicht so ganz rund läuft bei mir, bedanke ich mich bei Murphy dafür, denn Murphy ist bekanntlich ein Arschloch.

Wenn mich zum Bsp. in der Woche vor einem länger geplanten Kurzurlaub ein Schnupfen nervt, ich mir dann 2 Tage vor der Abfahrt bei einem Crash das Schaltauge verbiege und unser Auto am Tag darauf die Grätsche macht. Das ist alles nicht wild, aber sehr ärgerlich und mir drängen sich Gedanken auf wie: „Vielleicht sollte ich nicht wegfahren.“ Das bestellte Ersatzteile zu spät geliefert werden bildet sozusagen das Ausrufezeichen. Ok, Mietwagen statt eigenem Auto und Hotel statt Wohnwagen. Das Schaltauge gerade biegen und die Bremsen nachstellen. An dieser Stelle einen großen Dank an Dirk, Schrauber der Herzen.

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Und ein ebenso großes Danke an die Crew von Rad Race, die mir just in time noch wärmende Oberbekleidung in die Post steckten, inkl. einwandfreier Einschätzung meiner Körpermaße. Aus dem Paket direkt in die Reisetasche und schon kann es losgehen. Autobahn, Stau, Rastplatz, Stau, Ölverlust (WTF?), Tanke, Öl nachfüllen, Stau, Schwarzwald, Todtnau/Fahl, Hotel, Essen, Schlafen.

Votec Gravel Fondo, Tag 1: 72 km, knapp 2.000 hm

Auf dem Gelände der Schwarzwaldkaserne, die sonst einer Sportfördereinheit der Bundeswehr Heimat bietet, haben die Veranstalter des Votec Gravel Fondo einiges aufgefahren, um die Massen zu unterhalten. Mein erstes Ziel an diesem Tag ist jedoch das Akkreditierungsbüro in einer umfunktionierten Garage. Neben den Roadmaps für die beiden Tage gibt es einen Sack nützlicher Dinge (u.a. Socken!) und zum Glück wenig Werbung. Auch ein GPS wird mir hier ausgehändigt. Es gelingt mir noch das Teil auf meinen Lenker zu fummeln und anzuschalten, da erklärt Florian Jöckel (Guilty76) das Gravel Fondo für gestartet. Man kann sich jedoch Zeit lassen, denn es ist kein Rennen. Das kommt mir sehr entgegen. Für Competition sorgen aber mehrere knackige Strava-Segmente. Es ist neblig und kalt, aber immerhin regnet es nicht. Nach einer zugig kühlen Abfahrt beginnt der 18 km lange Aufstieg zum Feldberg. Auf der Wittenbacher Höhe reißt der Nebel kurz auf und gibt für einen Moment die uns umgebende Szenerie preis. Beim Versuch das Gesehene fotografisch zu dokumentieren, quittiert mein Telefon seinen Dienst. Ok, das spart Zeit. Sind ja auch lästig diese Fotopausen. Kurz vor dem Gipfel zeigen mir auch meine Beine das ihre Kooperationsbereitschaft Grenzen hat. Dieses Strava-Segment kann ich, wie auch alle anderen, so nicht für mich entscheiden. Dank des Nebels ist die Aussicht vom Gipfel des Feldbergs auf 15 m begrenzt, viel schlimmer wiegt, daß die Roadmap mit einem Kuchensymbol lockt, ich aber die entsprechende Verpflegungsstation dank des Nebels nicht finde. Damit befinde ich mich aber in guter Gesellschaft. Zum Ausgleich folgt eine ziemlich leckere Abfahrt, die umso erwärmender wirkt, je mehr sich Frau Sonne blicken lässt. Nach einem kurzen Fotostopp am Zweiseenblick (mit Blick auf Titi- und Schluchsee), geht es dann bergab zur 1. 2. Verpflegungsstation in Falkau. Über den Titisee erreiche ich nach 12 km eine weitere Verpflegungsstation an der Adlerschanze. Die aufgenommenen Extrakalorien sind anschließend dank des schwer verdaulichen Uphills des Emil-Thoma-Trails verbraucht, bevor sie sich auf den Hüften ausruhen können. Nach einem kurzen Abstecher am malerischen Feldsee zum Touristapeln und einer kamerareifen Sprinteinlage am Ende eines weiteren Stravasegments geht es, endlich wieder bergab, zum Kuchen fassen zurück in die Schwarzwaldkaserne. Und es schmeckt wie bei Oma! Ein oder zwei doppelte Espressi später ruft ein Spanferkel zum Barbecue. Und den Abschluss des Tages bildet eine Runde Elfer raus mit meinem Kurzen im Hotel. 😉

Votec Gravel Fondo, Tag 2: 55 km, knapp 1.500 hm

Schlafen wird völlig überbewertet. Mein rechtes Knie zwickt, mir ist zu warm, der Hund furzt und das Kind röchelt. Irgendwann dreht sich das Kind auf die Seite, die Darmwinde des Hundes ebben ab und das zwickende Knie zwinge ich mit Ibuprofen zur Ruhe. Da klingelt der Wecker. Ein Blick auf die Roadmap verrät, daß uns am zweiten Tag der Votec Gravel Fondo gleich zu Beginn über 400 Höhenmeter erwarten. Wie schon am Tag zuvor fahre ich die Strecke vom Hotel zum Kasernengelände mit dem Rad. Das Knie zeigt vage gelb. Besser als rot, rede ich mir ein und suche mir einen Platz weit hinten im Starterfeld, das heute etwas ausgedünnt zu sein scheint. Langsam setzt sich der Tross in Bewegung, Kopf nach unten und kurbeln. Ich muss nicht sehen, wo ich hochfahre, ein Hinterrad reicht. Kurz überlege ich mir umzudrehen, aber wirklich nur ganz kurz. Zum Glück spricht mich Eva an, indem sie sich vorstellt und mich nach meinem Namen fragt. „Schickes Bike…“ sagt sie. „Danke!“ erwidere ich. „Es ist ja oft so, daß die komischsten Typen die geilsten Bikes fahren.“ „Ja, das stimmt.“ Während sie weiterfährt, keimt bei mir ein Gedanke. Hat sie mich gemeint? Bin ich ein komischer Typ? Mein Ego ist nun viel zu abgelenkt, um sich über zwickende Knie, unregelmäßige Atmung und das Altern an sich zu sorgen. Und ein, zwei Spitzkehren später fahre ich an der Todtnauer Hütte vorbei.

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Dort treffe ich auch Michael, der mir vor 20 Jahren mein erstes Mountainbike verkauft hat. Zu zweit geht es über sonnengeflutete Wiesen voran. Was nun folgt ist Gravel par excellence mit Fernblick. Über die Farnwitte fahren wir zum Schluchseeblick. Dort entstand das Beitragsbild dieses Blogposts. Es fällt schwer, sich zwischen Fotos machen oder Fahrrad fahren zu entscheiden, zu eindrucksvoll sind die Aussichten. Aber am Ufer des Schluchsees erwartet uns Kuchen und bevor der schlecht wird…

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Voller Bauch trainiert nicht gerne… deshalb haben die Veranstalter nun ein flott rollbares Flachstück rund um den See eingebaut. Danke dafür! Ein etwas längerer, aber landschaftlich eindrucksvoller Uphill führt uns zunächst durch ein Waldstück, dann wieder über herbstliche Wiesen bis zur Rosshütte.

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Eine Überraschung in Form eines frischen Smoothies mit Ratespiel (Was ist drin?) erwartet uns am Äulemer Kreuz. Darauf folgt ein Downhill über 330 hm auf Asphalt. Faszinierend einem freihändig fahrenden Fotografen bei einem Tempo knapp unter 70 bei der Arbeit zuzuschauen. Live long and prosper! Das letzte Strava-Segment des Gravel Fondo wartet mit durchschnittlich 8% Steigungsprozenten auf die Fahrerinnen und Fahrer, um auch noch das letzte Körnchen aus den Beinen zu nagen. 4 km können verdammt lang sein. Die nächste Kehre bringt die Erlösung sage ich mir, finde aber stattdessen einen steinigen Anstieg von 1.000 m Länge im zweistelligen Prozentbereich vor.

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Die Pause an der letzten Verpflegungsstelle am Herzogenhorn fällt erwartungsgemäß etwas länger aus. Hier treffe ich auch wieder auf Eva, habe aber vergessen sie zu fragen, was sie mir eigentlich sagen wollte. Zur Feier des Tages gibt es Mettwurst und Bauernbrot und natürlich:

Kuchen!

Das Votec Gravel Fondo war die Anreise definitiv wert. Sollte es eine Wiederholung geben, wäre ich wieder dabei. Danke an die Mitfahrerinnen und Mitfahrer, es war mir eine Freude. Endlich normale Leute!

 

Edit / Weitere lesenswerte Eindrücke findet ihr hier:

startafire

shutuplegs

Torsten Frank

Gran Fondo Magazin