Wer sagt denn, das ein persönlicher Blog nur mit selbst Erlebtem gefüllt werden kann? Niemand, genau! Und weil ich von Natur aus neugierig bin, wird es 2017 in regelmäßigen Abständen Interviews zu lesen geben. Los geht es heute. Mein erster Gesprächspartner ist Gunnar Fehlau, Initiator der Grenzsteintrophy, Herausgeber des Fahrstil Magazins, Betreiber des Overnighter-Blogs, Geschäftsführer des Pressedienst Fahrrad. Und außerdem ist Herr Fehlau ein Freund extravaganter Selbstversorger-Radtouren, wie dem Candy B. Graveller von Frankfurt nach Berlin. Viel Spaß!

1. Der CBG ist der kleine Bruder der GST: süß, aber nicht ernstzunehmen. Richtig oder falsch?
Möchte man auf den ersten Blick meinen. Aber ist ein 100 Meter Lauf leichter als ein Marathon? Jein! Sicher, es ist einfacher und vorstellbarer 100 Meter zu laufen, während der Marathon aus sich heraus deutlicher selektiver ist. Podiumsplätze sind bei beiden harte Arbeit. Der Vergleich hinkt natürlich, schließlich gibt es weder bei der GST noch beim Candy ein Ranking und bei beiden geht es auch nicht ums Fahren gegen andere. Und dennoch ist was dran: bei der Grenzsteintrophy sind in den vergangenen Jahren meist kaum ein Drittel der Fahrer, die sich zum Starten committet hatten, angekommen. Die GST ist aus sich heraus ziemlich hart, das hat mit dem Verlauf der Grenze zu tun, dem Bewuchs und dem Zustand der Route. Du musst bei der GST gar nicht auf die Tube drücken, um wirklich an deine Grenze zu kommen. Der Versuchsaufbau beim Candy B. ist dagegen anders: Hier sollte „jeder“ mitfahren können und die Belastung besser selbst skalieren können. Anfang Mai wissen wir mehr!

2. Ein Stück deutsch-deutsche Geschichte bildet auch beim CBG die Grundlage der Route. Braucht ein gelungenes Bikepackingabenteuer den historischen Kontext?
Erst einmal nicht. Aber ich finde einen Anlass sinnstiftend. Über die Luftbrücke bin ich beim abendlichen Sinnieren gestolpert, als ich mich fragte, ob zwischen zweitem Weltkrieg und Wende in Deutschland noch irgendetwas wirklich Spannendes passiert sei. Als ich mich dann (wieder) ein wenig ins Thema eingearbeitet hatte, ist mir die friedliche, lebensbejahende und völkerverständigende Dimension der Luftbrücke in den Sinn gekommen. Das hat mir gefallen! Ein Blick auf die Landkarte und die Sache war für mich geritzt: Hier geht es lang!

3. Wieviel Zeit sollte ein Bikepacking-Neuling für die Strecke Frankfurt-Berlin einplanen?
Puh, schwere Frage, Tempo tötet sagt man ja immer. Gehen wir es doch mal umgekehrt an: Wer nonstop nach Berlin fahren will, der muss schon ein wirklich harter Hund sein. Ich glaube nicht, dass das viele probieren und machen werden. Wer auf den Kalender schaut, merkt sofort, welche Idee ich hatte: Freitag früher aus dem Büro… Zug nach Frankfurt nehmen, Samstag bis Montag nach Berlin fahren und mit dem letzten Zug nach Hause. So sieht mein Plan aus. Gehen wir mal von 600 Kilometern und drei vollen Tagen aus, dann stehen bei mir 200 pro Tag auf dem Plan! Das ist schon recht sportlich, wer zum ersten Mal bei so etwas dabei ist und Reserven in der Zeitplanung haben möchte, der sollte vier bis fünf Tage einplanen.

4. Nach Gravelbikes gefragt antwortete Tom Ritchey: „I thought all road bikes were gravel road bikes? I’ve been riding my bikes on gravel and more accurately – unpaved dirt roads and trails – for decades.“ Das Gravelphänomen ist also alter Wein in neuen Schläuchen. Fällt der Industrie nichts Neues mehr ein oder besinnt man sich auf seine Wurzeln?
Schwere Frage! Vor allem eine Frage voller Ideologie. Drehen wir es doch einfach einmal um: Wann brauche ich ein neues Rad? Jedenfalls nicht, wenn die Industrie ein Ritzel ergänzt, oder die Farbe des Decals ändert. Ich kaufe mir immer ein neues Rad, wenn dieses mir neue Erlebnisse ermöglich. Einfach nur ein paar Sekunden schneller sein mit dem Rennrad oder ein paar Zentimeter weiter springen können mit dem MTB sind für mich kein Faktor. Für mich war in den 1990er mein erstes gutes Faltrad eine Offenbarung: Plötzlich konnte ich mein Rad überall hin mitnehmen, neue Straßen befahren, Ziele mit Bahn und Bike kombinieren. So etwas erlebte ich erst rund 20 Jahre später erneut mit dem Fatbike: Ein Rad, das mir den Winter schmackhaft machte und unglaublich intensive Radabenteuer ermöglichte. Seit den 1990er probierte ich alle paar Jahre einen Crosser aus, weil alle sagte, dass man damit im Gelände viel schneller sei als mit dem Mountainbike. Jedes Mal dachte mir nach der Ausfahrt: Mountainbike ist im Wald besser und Rennrad geht auf der Straße besser ab. Ich habe mir nie eines gekauft. Die Idee des Gravelbikes ist hingegen in der europäischen Interpretation (wir haben hier ja wenig Gravel) auf den Wegen zu fahren, die mit dem MTB langweilig und mit dem klassischen Schmalreifen-Rennrad quasi unfahrbar sind. Vor diesem Hintergrund bin ich dann vor zwei Jahren wieder einmal auf ein Rad mit Rennlenker und profilierten Reifen in einer Breite irgendwo zwischen Rennrad und MTB gestiegen. Und die Idee hat bei mir gezündet: Abseits von Straßen und Auto rennradähnlich über die Lande gleiten und dabei mehr in der Natur unterwegs zu sein, das geht für mich auf. Zurück zur Bike-Branche: Logisch, wer einen Crosser hat, der muss kein Gravel-Bike kaufen, die Räder sind sich an vielen Stellen ähnlich. Dennoch gibt es gerade viele neue Produkte/Komponenten, die das Graveln schöner machen und vor allem auch günstiger.

5. Stichwort: Trail Magic! Gibt es in Deiner Vergangenheit ein Erlebnis, dem Du dieses Prädikat verleihen würdest?
Mmmmhhh… die Verwandten vom GST-Scout David S. haben einmal einen Trail Magic Verpflegungsstand auf der GST gehabt. Das war schon Hammercool! Ansonsten passiert das irgendwie immer wieder. Erst letztes Jahr bei einem Overnighter mit Walter zusammen. Da haben wir in einem kleinen Dorf im Solling nach dem Weg zum nächsten Supermarkt gefragt. Als Antwort bekamen wir eine Plastiktüte randvoll mit Leckereien… War eines der besten zweiten Frühstücke, die ich je hatte auf einer Tour. Oder bei unserer Fatbike-Tour in Norwegen, da hat sich die Kassiererin im Supermarkt ganz offensichtlich zu unseren Gunsten vertippt, grinste uns an und meinte, sie hätte uns heute auf der Straße gesehen. An dem Tag hatte es -33°C, das nötigte wohl sogar den hartgesottenen Norwegern Respekt ab!

Vielen Dank an Gunnar!

Wie kam es zu diesem Interview? Meine Brötchen verdiene ich als Grafiker und in dieser Funktion habe ich das Visual des Candy B. Graveller illustriert. So kam eins zum anderen.