Strecke: Othal bis Berlin
Kilometer gesamt: 233 km
Höhenmeter gesamt: 1.548 hm
Streckencharakteristik: Rüttelpiste, Waldboden, Schotter, im Brandenburger Land sandige Feldwege
Höhepunkte (subjektiv): Elbe, Dessau, Märkische Heide, Brandenburger Land

Der Wecker klingelt um 5.00 Uhr. Nicht, dass ich einen brauche, denn ich bin schon (oder immer noch wach). An anderer Stelle habe ich meinen nächtlichen Zustand mal als kontemplative Meditation bezeichnet. Dabei nehme ich mir entweder ein Thema oder Bild vor, über das ich nachdenke. Das kann der wehende Wind sein, der prasselnde Regen, der Sinn meines Handelns oder auch am Tag Erlebtes, dass ich verarbeiten möchte. Am Ende bin ich frei von allen Gedanken, ich schlafe nicht, bin aber auch nicht im herkömmlichen Sinn wach. Erst am frühen morgen schlafe ich in der Regel kurz tief ein. Frieren lenkt ab, mein Schlafsack ist aber über jeden Zweifel erhaben. Mit dem Lärm vorbeifahrender Autos habe ich dagegen weniger ein Problem. Schnarchen des Nachbarn nervt sehr. Daher bin ich sehr dankbar, mein Nachtlager mit eher ruhigen Gesellen zu teilen. Nach der dritten Nacht klappt das Umziehen im Schlafsack super und auch das Packen der Utensilien geht schneller von der Hand.

Um viertel vor sechs sitzen wir bereits wieder im Sattel und sind guter Dinge heute Berlin zu erreichen. Da bemerkt Josh einen Platten am Vorderrad. Ich rolle langsam weiter, denn lange kann das eigentlich nicht dauern. An einem Abzweig halte ich trotzdem und warte einige Minuten. Kay schließt auf, es dauert bei Josh und Justus noch und wir fahren langsam weiter. Nach 17 km erreichen wir Eisleben, aber es ist viertel nach sieben an einem ersten Mai, da hat nichts auf. Zum wiederholten Mal treffen wir aber auf Marcel und ? (Deinen Namen habe ich leider vergessen). Die beiden Köche, die uns in der ersten Nacht die Terrasse des Winzerhüttchen überließen und die mit Zelt reisen. Auch sie sind auf der Suche nach Essbarem. Einsilbig und morgenmufflig trete ich die Flucht nach vorn an.

Der Hunger treibt. Weitere 10 km weiter finden wir eine Tanke. Dort hat man Auswahl zwischen zwar frischen, dafür aber trockenen Brötchen und abgepacktem Kuchen, Bifi, Gummiteilen, Schokoriegeln und was es sonst noch so an Tankenkulinarik gibt. Wir entscheiden uns für Bifi, Kuchen, Schokoriegel und Filterkaffee aus der Thermoskanne. Gemeinsam mit dem von mir auf Vorrat gekauften Käsebrötchen vom Vortag ein durchweg annehmbares Frühstück. Die Laune ist gut, und bald finden das Team Marcel, kurze Zeit später auch Josh und Justus ihren Weg zur Tanke. Josh hatte inzwischen drei Platten und ist entsprechend entnervt. Noch ca. 210 km nach Berlin. Unser Plan sah kürzere Pausen vor, schaut man aber auf die Uhr und den Kilometerstand, erzählen die reinen Zahlen eine ganz andere Geschichte. Im Augenblick geht es aber nur darum, weiter zu fahren. Und das tun wir dann endlich auch. Der Wind bläst uns weiterhin ins Gesicht, das nervt, aber zumindest ich habe mich daran gewöhnt. Die Strecke verläuft im ZickZack-Muster über das Land und nicht nur über freies Feld.

In irgendeiner Ortschaft fällt Justus auf einmal zurück, was sehr ungewöhnlich ist, denn eigentlich ist er der Tempomacher, das Zugpferd. Wir warten und lassen ihn wieder heranfahren. Er klagt über starke Schmerzen im linken Knie. Ibuprofen, zwo, drei. Eigentlich unvernünftig die Reise fortzusetzen. Ein Anruf bei meiner Familie bringt nichts Neues, ausser das der Arm des Sohnemanns evtl. doch gebrochen sein könnte. Um das zu klären fährt man nun zu einem Arzt.

Sobald es einigermaßen windstill ist, ziehen wir soweit möglich das Tempo an. Auf einem Stück Landstraße kreiseln wir ein wenig. Das klappt mäßig, also lassen wir es. Bis dato hatte ich mit meiner Sitzzone noch nie ein Problem, auch nach längeren Radfahrten nicht. Beim Candy aber ist alles anders. Es hindert mich nicht am radfahren, nervt aber. Besonders unangenehm macht sich die linke Seite meines Pos bemerkbar. Da zwickt und scheuert es ganz gewaltig, so dass ich sehr froh bin, als wir bei Kilometer 70 wieder mal beim großen Burgerbrater vorbeischauen. Es ist kurz vor zwölf, also gibt es nur Frühstück. Egal! Als ich mich zum Essen setzen möchte, fühlt es sich ganz so an, als trüge ich eine Windel. Die linke Pobacke ist eindeutig dicker, als die rechte. Erst denke ich an ein verrutschtes Polster. Also greife ich mir beherzt in den Schritt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Und befördere einen Spanngurt mit Kunststoffverschluss aus meiner Hose, auf dem ich nun seit den frühen Morgenstunden gesessen habe.

Ohne diesen Fremdkörper am Po fährt es sich deutlich entspannter. Auch der Wind hat merklich nachgelassen. Zogen sich die letzten 200 km wie Kaugummi, so fliegen wir jetzt dahin. Bei Dessau passieren wir die Elbe. Wie nicht anders zu erwarten, sind wir nicht die einzigen Menschen, die am 1. Mai auf dem Rad unterwegs sind. Von meiner Klingel, die ich vor der Abfahrt noch an den Aerobar schraubte, mache ich ausgiebig Gebrauch. Ab und zu entspinnt sich auch ein kurzer Dialog alá: „Wo gehts hin?“ „Nach Berlin!“ „Ihr seid ja verrückt!“ Wenns läuft, dann läufts. Wir halten das Tempo relativ hoch, ungeachtet der Kilometer die noch vor uns liegen.

Zwischen Dessau und Belzig verkündet Kay, dass er dringend eine Pause machen muss, um zu schlafen. Im ersten Moment denke ich an einen Witz, aber er meint es ernst. Er hat einen Unterstand entdeckt und möchte sich dort einen Augenblick hinlegen. Eigentlich würde ich mich ihm gerne anschließen, nur fürchte ich, nicht mehr aufs Rad zu kommen, wenn ich erstmal liege. Justus und Josh wollen weiter, für Josh gibt es keinen Plan B, er muss am Abend in Berlin sein, da er am nächsten morgen in Göttingen arbeiten muss.

So trennen sich unsere Wege. Als Dreiergespann ziehen wir weiter. Die nächsten Kilometer werden schmerzhaft. Schmerzhaft deshalb, weil der Wind wieder aufgefrischt hat und alles daran setzt uns aus dem Sattel zu heben. Landschaftlich bietet diese Ecke Sachsen-Anhalts auch nicht viel und unversehens gerate ich in eine Sinnkrise. Augen nach unten und treten. Irgendwann hört der Wind schon auf. Und irgendwann passieren wir die nicht sichtbare Grenze zu Brandenburg. Im Naturpark hoher Fläming sauge ich jeden Quadratzentimeter Landschaft auf wie ein Schwamm das Wasser. Selbst das versacken der Reifen im Sand stimmt mich eher heiter, je brenzliger die Situation, desto wacher werde ich. Und wach sein ist gut.

Weht der Wind noch? Ich weiß es nicht. Die Landschaft hebt und senkt sich in einem gleichmäßige Rhytmus, scheint mit mir zu atmen. Der Untergrund lässt mich nicht fallen, bietet im richtigen Moment immer ausreichend Grip. Meine Beine spüre ich schon lange nicht mehr. Kraft habe ich auch keine mehr, aber irgendwie geht es weiter. In Bad Belzig decken wir uns das letzte Mal mit Süßem und Getränken ein. Wir WERDEN in Berlin ankommen. Heute! Soviel ist klar…. nur wann das sein wird, steht noch nicht fest. Ein Polizist fragt woher und wohin und glaubt mir nicht, als ich sage, dass wir aus Frankfurt am Main kommen. Die 586 km gefahrene Strecke auf dem Display meines Garmin überzeugen ihn schlussendlich.

Wir fahren auf einem Radweg, so unglaublich es klingen mag. Wie in Trance pedalieren wir immer weiter, das Tempo ist hoch. Irgendwann fällt uns auf, dass wir uns anscheinend parallel zum Track und nicht auf ihm bewegen. Nicht nur virtuell, sondern tatsächlich haben wir die Route des Candy B. verlassen und verhalten uns somit nicht mehr Codexkonform. Wir müssten nun zurückfahren, bis sich Radweg und Track wieder kreuzen, um dort den Anschluss zu suchen. Aber die Uhr tickt und die Zeit drängt, beim verkleinern der Karte sehen wir, dass der Track einige Kilometer weiter wieder auf dem Radweg verläuft. Also fahren wir weiter. Wir sollten eigentlich rechts des Schwielowsees fahren, sind aber auf dessen linker Seite und beschließen nun, direkt nach Potsdam rein zu fahren, um dort etwas zu essen und den Kopf wieder klar zu kriegen.

Die Dämmerung hat inzwischen eingesetzt, bei Trackleaders sehen wir, dass Kay nicht weit hinter uns ist und wir beschliessen, ihn am Einstieg in den Grunewald in Empfang zu nehmen. Anscheinend hat ein Powernapping ausgereicht, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Los gehts… erstmal in die falsche Richtung. Wenden, dann passts. Mit Vollgas fahren wir nach Berlin. Und warten am Grunewald auf Kay. Ein weiterer Blick auf Trackleaders verrät Kays aktuelle Position. Warten macht keinen Sinn, sonst bekommt Josh nicht sein „Taxi“ in Form seines Vaters, der ihn am Tempelhof abholen möchte. Also weiter… Josh scheint betrunken, er schlingert. Ach nein, er hat nur wieder einen Platten. Also anhalten, Schlauch wechseln. In Joshs Mantel steckt ein Dorn und einige Glassplitter. Inzwischen ist es stockdunkel. Wir haben keine Lust mehr auf Experimente oder einen weiteren Platten und sparen uns auch die Grunewaldtrails.

Kopf runter, Vollgas! Im rechten Augenwinkel erscheint die Siegessäule, vorbei. Wir fahren auf dem Ku’damm. Ich fahre auf dem Ku’damm. In Berlin… ich bin mit dem Rad nach Berlin gefahren. Links vor mir die Dankeskirche. Bahnhof Zoo! Die erwartete Euphorie bleibt aus. Ich möchte nicht sagen, dass der Weg das Ziel war, aber beim finalen Schlussakkord fühle ich mich seltsam leer. Wo ist das Hotel? Fast vorbeigefahren… ich steige vom Rad und packe mein Carepack aus, betrete das Hotel. Jetzt kribbelt es aber doch im Bauch. Und irgendwer hat mir ein debiles Grinsen ins Gesicht getackert. Auch Justus und Josh grinsen breit, als sie sich in die Liste der gelandeten Candy B. Kuriere eintragen. Und auf einmal geht alles ganz schnell… Joshs Vater ruft an, er wartet schon am Tempelhof. Eine kurze Umarmung später stehe ich mit Justus alleine in der Lobby. Mit meiner Unterschrift besiegle ich das Unvermeidliche. Mein Abenteuer endet hier.

Der Candy B. Graveller war die härteste Radtour die ich jemals gefahren bin. Aber wieder habe ich die Grenze des für mich Machbaren etwas verschoben und neue Erkenntnisse gewonnen, Ängste hinter mir gelassen und meinen Fokus neu justiert. Mehrfach musste ich über meinen Schatten springen und mit meinem inneren Schweinehund ringen. Und nicht zuletzt habe ich ganz wunderbare, sonderbare und lustige Menschen kennen gelernt. Das wir auf den letzten Metern den Track verlassen haben, wurmt mich ziemlich. Mit war es wichtig, das Paket abgegeben zu haben, dennoch habe ich das Gefühl, irgendwas fehlt. Nicht der einzige Grund 2018 wieder dabei sein zu wollen!

Danke Candy!

In Wirklichkeit endete das Abenteuer nicht in Berlin. Jeder neue Tag birgt neue Herausforderungen. Immer wieder aufs Neue muss ich meine Position überdenken, den Track neu justieren und Entscheidungen treffen. Und nicht immer kann ich mir sicher sein, das Richtige getan zu haben. Auf dem Rad im Rahmen des CBG 2017 habe ich im Moment gelebt, konzentrierte mich auf das, was mir das Sinnvollste erschien. Das hat mich, für die nächste Zeit zumindest, geerdet.

Nach einer kurzen Sightseeingrunde durch Berlin fuhr ich an die Ostsee zu meiner Familie. Mein Sohn hatte sich tatsächlich den Arm gebrochen, ein für Kinder nicht ungewöhnlicher Wulstbruch. Ein großartiger großer kleiner Kerl ist er. Und ich bin dankbar für ihn. Das größte Abenteuer meines Lebens!

  1. #cbg17: 1. Frankfurt – Kälberau
  2. #cbg17: 2. Kälberau – Pferdsdorf
  3. #cbg17: 3. Pferdsdorf – Othal
  4. #cbg17: 4. Othal – Berlin