„Bernd, die Security findet das gerade nicht so toll.“

David raunt mir diese Worte zu, nachdem ich die dritte Runde Highspeed auf einem Laufrad aus der Schmiede von Alex Clauss (Portuscycles) gedreht habe. Inzwischen ist es Abend geworden, irgendwann zwischen jetzt und gleich. Wir sind immer noch auf der Eurobike, genauer auf der Vernissage „200 Jahre Fahrrad – eine Velographie“. Bei dem einen oder anderen Besucher machen sich die Folgen versäumter Nahrungsaufnahme in Verbindung mit Kompensationsversuchen durch die Zufuhr vergorener Hanfgewächse bemerkbar. Vermutlich merkt man mir meine Abstinenz nicht an, aber tatsächlich bin ich einfach nur überdreht, das ist den Eindrücken des Tages und mehreren Litern Cola geschuldet. Böse psychotrope Substanz!

Aber der Reihe nach. Ein Tag auf der Eurobike hat gefühlt 36 Stunden, die aber absolut nicht ausreichend sind. An dieser Stelle muss ich nochmal Miriam für den tollen Support in der Blogger Base danken. Das war großartig!

So, jetzt aber sputen…. die Zeit rennt und ich möchte nicht zu spät zur Velographie „200 Jahre Fahrrad“ erscheinen.

Pure Cycles

Eine Marke die ich bislang noch nicht kannte. Pure Cycles aus Burbank, Kalifornien. Deren Geschichte begann mit einem Blick aus einem studentischen Schlafzimmerfenster auf einen Fahrradständer und der aufkommenden Frage, warum in diesem so wenig und vor allem so wenig coole Fahrräder stehen? Erhebungen auf dem Campus ergaben, dass man sehr wohl Rad fahren würde, wenn die Bikes einfach, sowie günstig wären und, vermutlich am wichtigsten, gut aussehen würden. Klingt simpel und die drei Gründer machten sich an die Umsetzung. Und haben das Rad natürlich nicht neu erfunden, aber die Anforderungen erfüllt. Zumindest in meinen Augen. Einfache Ausstattung, Retrocharme und günstig. Passt!

Under Cover – der Fahrrad Regenschirm

Ich glaube, darüber wird man lesen. Wenn man jeden Tag zur Arbeit fährt, kennt man Regen. Dieser ist nicht per se unangenehm, im Sommer kann er ja auch mal erfrischend sein. Aber es gibt doch mehr als einen nachvollziehbaren Grund, nicht nass werden zu wollen. Verhindern kann das in Zukunft ‚Under Cover‘, der Fahrrad Regenschirm von Thomas Schmidt. Dieser sprach mich in der Blogger Base an und ja, ich wollte mir das Teil mal anschauen. Das taten wir dann im trockenen Foyer der Messe. Draussen war zwar Schwimmbad, aber das Prozedere ein Bike aus der Messe heraus und wieder hinein zu bekommen, sprach gegen einen spontanen Test unter realen Bedingungen. Aber das hier verlinkte Video ist ja auch ganz brauchbar. Thomas hat übrigens auf Kickstarter eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wie funktioniert das Teil? Ganz einfach… der Regenschirm befindet sich für den Fall das es nicht regnet in einer Tasche z.B. am Oberrohr. Ebenfalls am Oberrohr kann man die Aufnahme des Schirms befestigen. Fängt es an zu regnen, Zack, Schirm aus der Tasche ziehen, aufspannen, am Rahmen befestigen, aufsitzen und fertig. Mir gefällt die Idee. Kostengünstig und praktisch. Zugegeben eitel darf man nicht sein, aber wir tragen ja auch alle Helm, oder Thomas? Wo waren Eure denn beim Videodreh? Und wo wir gerade von Helmen sprechen…. ein Helm passt nur über die Kapuze, sonst würde diese für alle Nicht-Helm-Fahrer zu groß.

Cargoli

Ebenfalls in der Blogger Base traf ich Arne Behrensen der unter cargobike.jetzt bloggt. Mit sich führte Arne eine ominöse Holzkiste, die meine Aufmerksamkeit erregte. Man liest ja so viel. Jetzt sieht Arne aber gar nicht gefährlich aus und so sprach ich ihn an. Wir redeten erst übers bloggen, dann übers Lasten radeln und dann, mutig geworden, über den Inhalt der Holzkiste. Theatralisch nicht ungeschickt öffnete Arne das geheimnisvolle Kistchen, das Spielzeuge enthielt. Cargoli nennen die Berliner (woher denn sonst) Väter ihre „Hommage an alle CargobikerInnen“. „Cargolis sollen Lust darauf machen, Autofrust gegen Cargobike-Spaß zu tauschen.“ so steht es in der Pressemitteilung zu lesen. Im Gespräch erklärte mir Arne, das der Künstler Nico Jungel auf die Idee kam, Cargobikes im Miniaturformat zu bauen, nachdem sein Töchterlein im Kindergarten nur mit Autos spielen konnte. „Die aus Birkensperrholz gelaserten Bausätze der Cargobike-Grundtypen LongJohn, Dreirad und Truck eignen sich aber nicht nur zum Basteln und Spielen. Auch als Trinkgeldkasse, Kaktushalter, Visitenkarten- oder Stiftständer sind sie zu gebrauchen und mit eingraviertem Wunschlogo werden sie zu sympathischen Werbeträgern.“ (PM, Cargoli) Mir haben die Teile auf jeden Fall gut gefallen und ich kenne da eine 3-jährige, die ebenfalls Freude daran hätte.

Tern Cycles

Regelmäßig sprechen wir im Familienrat über die Nutzung unseres Autos. Dieses bleibt nämlich immer öfter stehen und fristet inzwischen sein Dasein als Zugmaschine für den Wohnwagen. So weit, so schlecht, denn rechne ich mir aus, was uns die Möglichkeit des spontanen Kurzurlaubs in den eigenen vier Wänden im Jahr kostet, reagiere ich frustriert. Unser Auto stinkt (mir) gewaltig. Und das nicht nur, weil es ein Diesel ist. Man fährt eigentlich nicht in den Urlaub, man steht. Das regelmäßig vor dem Kollaps stehende Verkehrssystem ist eigentlich ein Speichersystem. Es speichert Lebenszeit. Vor diesem Hintergrund ist eigentlich die Anschaffung eines Cargobikes geraten. Platzmangel sollte bei uns kein Argument, denn sind erstmal Auto und Wohnwagen weg, stünde ausreichend Fläche zur Verfügung. Und selbst wenn nicht, hätte Tern Cycles mit dem Pedelec GSD ein durchdachtes Lasten- und Transportrad im Angebot, das selbst in der kleinsten Hütte Platz findet. „Getting shit done!“ ist vermutlich als Aufforderung zu verstehen. Das GSD ist mit 180 cm ungefähr so lang wie ein normales Fahrrad. Dank des großen Einstellbereichs passt es der ganzen Familie (von 150 – 195 cm). Ein zweiter Akku versorgt es auch auf längeren Touren zuverlässig mit Strom. Nach der Testrunde über das Messegelände hatte ich ein fettes Grinsen im Gesicht, das Handling ist wirklich super. Auch mit Zuladung. Am besten einfach mal ausprobieren, wenn die Möglichkeit besteht. Das GSD war aber nicht das einzige Rad, welches ich in den knapp 60 Minuten die ich am Stand von Tern verbrachte, ausprobiert habe. Auch das Verge machte eine ausnehmend gute Figur. Und im Vergleich zu seinen Kollegen von z.B. Brompton ist das Verge schon fast ein Schnäppchen.

Rondo – New school drop bar bikes

Nachdem ich im Vorfeld bereits den ein oder anderen Kommentar über das Rondo Ruut gelesen hatte, wollte ich mir das Teil mal live anschauen, denn vom Foto wird man nicht satt. Markantes Merkmal des Bikes ist der Knick im Oberrohr, sowie der Flipchip in der Gabel. Dank dieses Features kann man die Geometrie des Rades beeinflussen, was ich sehr gerne mal ausprobiert hätte, aber die Mitarbeiter am Stand waren intensiv in Gespräche vertieft und mir lief ein bisschen die Zeit davon.

200 Jahre Fahrrad – Eine Velographie

„Jetzt noch schnell ein Brötchen.“ denke ich mir und mache mich auf den Weg. Die Messehallen haben sich merklich geleert. So wundert es mich nicht, das auch in der Blogger Base nur noch ein kleines Grüppchen ausharrt. Claude, Alexander, Juliane und Carolyn. Die üblichen Verdächtigen könnte man meinen. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg und werden zunächst mal von Gunnar vor die Tür komplementiert, denn wir sind einige Minuten zu früh. Just in diesem Moment könnte ich im Stehen einschlafen, aber zum Glück gibt es koffeinhaltige Erfrischungsgetränke. Die Türen öffnen sich und wir betreten einen fast leeren Raum. Wir werfen neugierige Blicke auf die Ausstellungsexponate, die später im Rahmen einer Führung vorgestellt werden. Einem historischen Vertreter steht dabei jeweils eine moderne Adaption gegenüber. Schön gemacht.

Meins! Also so ähnlich…. ein Bonanzarad in gleicher Farbe begleitete mich bis 1982 auf meinen Wegen durch die Wetterau. Die Lenkerenden waren bei meinem Modell allerdings mit aus Wolle geflochtenen Troddeln verziert. 

Vor der Theke remple ich die Muschi an und wir ergeben uns selig dem Smalltalk, reden über Schlaflos im Sattel, die Frauen, das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Zwischendurch spülen wir die trockenen Kehlen mit Bier, respektive Cola. Der Raum füllt sich und auch Stephan Ensthaler von LeCanard gibt sich die Ehre. Ein weiteres Hallo später fällt mir auf, dass die Führung schon längst begonnen hat. Das einzige noch verbleibende Headset verursacht mir Kopfschmerzen und irgendwie bin ich ohnehin nicht mehr aufnahmefähig, daher widme ich mich wieder dem Projekt Kreislaufkollaps durch Koffeinüberdosis.

Und dann taucht ein großer bärtiger Kerl mit einem noch größeren, von Flugrost befallenem Laufrad auf. Der Kerl heißt Alex und baut unterm dem Label Portus Cycles feine Räder mit lustigen Namen.

Alex‘ Bike zieht nicht nur Blicke auf sich. Die meisten wollen auch mal eine Runde damit fahren. Daraus entspinnt sich ein lustiger Wettstreit. Alex demonstriert BunnyHops, Muschi posed pink. Schnell werden Pläne geschmiedet und nicht nur ich sehe es als gesetzt an, dass Muschi mit dem Monster ein 24-h-Rennen bestreiten wird. Welches soll er selber verraten.

Während der Abend bierselig fortschreitet, wird die Stimmung immer ausgelassener und die Stunts gewagter, so lässt es sich der Erbauer des Gefährts z.B. nicht nehmen, ein Treppenset abzufeiern.

Das bunte Treiben wird schlussendlich von der Security beendet, was im Nachgang betrachtet wohl auch das Klügste gewesen ist. Mit Flausen im Kopf trete ich per Pedale den Rückweg zur Ferienwohnung an, nicht ohne mich dabei noch einmal gründlich zu verirren und ordentlich nass zu werden.

Danke an Gunnar, Arne, David und Thomas für die Unterkunft! Wir haben noch eine Rechnung offen! Einen lieben Gruß auch an Martin von biketour-global, es war sehr schön mit Dir! 😉