Bereits zum dritten Mal, packe ich den Rucksack aus und wieder ein. „Packe leicht!“ hieß es. Das ist angesichts der Wetteraussichten aber gar nicht so einfach. Für die nächsten Tage ist Regen gemeldet. Kalt ist es sowieso. Aber wer friert schwitzt nicht. Es bleibt die Nässe, die mir Sorgen macht. Scheiß drauf, ich schlafe in Hotels, da wird sich eine Gelegenheit zum Wäsche waschen finden. Also Minimalausstattung plus Regenklamotten. Die Aussicht, das ich nicht alleine nass werde, tröstet mich. Gemeinsam mit knapp vierhundert anderen Verrückten fahre ich die Rad Race Tour de friends von München nach Venedig. Zunächst muss ich aber mal nach München. Die Deutsche Bahn hilft und im Zug treffe ich auf Andreas, Martin und Thomas vom Team Lifecycle. Mir fällt wieder auf, wie klein diese Szene ist. Andreas zum Beispiel hatte ich beim letztjährigen Votec Gravel Fondo kennen gelernt. Martin war bis 2017 Chefredakteur des Spoke Magazins und ist nun Mitherausgeber des Lifecycle Mags, welches im November 2017 zum ersten Mal als Printausgabe in ausgewählten Shops zu finden sein wird. In München angekommen, trennen sich vorerst unsere Wege. Unterschlupf für die Nacht vor dem Start finde ich bei Christopher und Tina. Danke für die herzliche Aufnahme und den super Bananenkuchen! Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Fahrer Briefing. Hier ein Extrakt der wichtigsten Information: Habt Spaß! Die Tour endet nicht in Venedig, denn dort ist das Radfahren verboten. Helft einander! Auf Stage 3 geht es hundert Kilometer bergab. Habt Spaß! Achtet auf die StVo! Habt Spaß! Ok, das kann ich mir merken. Man merkt den Anwesenden die Vorfreude an. Aber noch liegt eine Nacht zwischen uns und dem Start am frühen Morgen. Wie immer im Vorfeld einer Tour ins Unbekannte schlafe ich schlecht und stehe noch vor Sonnenaufgang auf.

Foto: Carlos Fernandez Laser

 

Etappe 1: München – Innsbruck

Wider Erwarten zeigt sich das Wetter von seiner besseren Seite. Es herrscht Föhn und so fahre ich kurz/kurz zum Start. Und bin einer der ersten. Pünktlich kann ich. Alle Solofahrer starten als Grupetto, doch vorher soll noch ein Foto gemacht werden. In meinem Bauch herrscht wieder Kirmes, im Kopf sowieso. Daran ändern auch die beiden starken Espressi nichts. Wird Zeit, dass ich loskomme. Aber zuerst sind die Handbiker dran. Davon sind mit Josef Michelberger und Justin Levene zwei am Start. Beide werden von Freunden und/oder Familienmitgliedern unterstützt. Justins Team wird ausserdem noch von dem Filmer Francis Cade begleitet, dessen sehenswerte Videos unterhalb dieses Berichts verlinkt sind.

Foto: Björn Reschabek

„Was los jetzt? Gehts los?“ denke ich mir, als Ingo endlich den Startbereich für das Grupetto freigibt und uns anfeuernd auf die Strecke entlässt. Und natürlich starte ich viel zu schnell. Fällt mir aber erstmal nicht auf. Die Sonne scheint, es rollt trotz des geschotterten Untergrunds gut und so denke ich auch nicht an morgen. Vor mir fährt Alban, ein Kurierfahrer aus Frankfurt der ziemlich Druck macht. Gemeinsam können wir auf das Tritime Woman Team aufschließen, aber noch vor dem ersten Checkpoint muss ich den Zug wieder ziehen lassen, wenn ich das Ziel in einem Stück erreichen möchte. Während eines kurzen Fotostopps am Tegernsee sammelt mich das Team Johannesviertel-Connection auf. Sebastian, Karl, Aljoscha und Andreas kommen aus Darmstadt, bzw. München. Aber auch diese Jungs muss ich nach einigen Kilometern weiterziehen lassen. Zwischen Tegern- und Achensee liegt der Achenpass. Kaum 1.000 Meter hoch, aber gebärdet sich wie ein Großer. What comes up, must come down. Und so versöhnt mich die folgende Abfahrt mit meinen dicken Beinen. Nur noch ein Anstieg trennt mich vom zweiten Checkpoint am Achensee. Es zuckt in den Beinen und einen Augenblick später krampfen meine Oberschenkel im Duett. Schluss mit lustig, schon sehe ich mich am Straßenrand liegen, doch noch kann ich langsam weitertreten. Sehr langsam… drei Jungs mit einer Boombox am Rad fahren an mir vorbei. Musikalisch passts, mit Rage against the machine komme ich auch wieder Berge hoch. Und kann mir sogar meinen zweiten Stempel des Tages und zwei Bananen am Checkpoint abholen. Immerhin gibt es zu diesem Zeitpunkt noch Verpflegung, später ankommende Teilnehmer hatten da weniger Glück. Gemeinsam mit dem Team Lebikeski (die Jungs mit der Boombox) geht es weiter in Richtung Innsbruck. Erst leicht ansteigend am Achensee entlang und dann eine der geilsten Abfahrten hinab, die ich je zu befahren die Freude hatte. Gefälle im zweistelligen Bereich, viele weite Kurven, aber auch ein paar engere Kehren. Und bis auf einen mäßig begabten Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt und mich zum Bremsen zwingt, freie Fahrt. Bis Innsbruck sind es nun nur noch 40 Kilometer. Dunkle Wolken am Himmel vor und hinter uns, sowie der ein oder andere Regentropfen sorgen dafür, das wir nochmal auf den Akzelerator treten und Innsbruck am frühen nachmittag erreichen. So reicht die Zeit im Ziel noch für zwei Bier, bevor es anfängt zu schütten wie aus Kübeln. Das Spektakel schauen wir uns aber lieber aus dem Foyer einer Jugendherberge an, in der man uns einquartiert hat. Wie sagte Ingo gestern so schön: Was die Unterbringung betrifft kann man Glück haben, also 5 Sterne und Pool oder eben nicht. Heute also Jugendherberge – die Betten knarzen, über dir furzt, neben dir schnarcht einer und alles riecht nach feuchten Socken. Bevor wir aber in den Genuss einer Nacht im Sechsbett-Zimmer kommen, trifft sich die Meute in einem Gasthaus zum gemeinsamen Abendessen und gegenseitigem Kennenlernen. Das fällt am ersten Abend erwartungsgemäß etwas kürzer aus. Man schaut nochmal schnell auf die Wetterapp, zieht sich die Startzeiten für Stage 2 und macht sich nach und nach auf den Weg zurück. Um halb neun liege ich im Bett. Auf Stage 2 habe ich gerade keine Lust, aber der Appetit kommt beim Essen denke ich mir. Kopfkissen über den Kopf und Augen zu. Der Schlaf wird schon kommen.

Foto: Carlos Fernandez Laser