Es regnet nun schon seit gestern abend. Und morgens um 6.00 Uhr sieht es auch nicht nach einer Wetterbesserung aus. Auf der 3. Etappe stehen knapp 200 Kilometer mit knapp 2.000 Höhenmetern auf dem Programm. Die Königsetappe. Die meisten Königinnen und Könige werden ganz schön nass werden. Hilft ja nix, hab ja bezahlt, da steht mir der Regen auch zu. Beim Frühstück sitze ich wie am Tag zuvor mit Dominik, Michael und Aron vom Team Laktatnebel zusammen. Von schlechter Laune keine Spur. Heute starten die Handbiker und das Grupetto wieder zuerst. Als ich im Startbereich ankomme, teilt mir Ingo mit, er hätte noch eine Sonnenbrille für mich. Mein Foto, welches ich am Vortag von Peer gemacht hatte, wurde zum Foto des Tages gewählt und dafür gibt es eine Oakley Jawbreaker. Zwar wusste ich, dass mein Foto ausgewählt wurde, das es dafür eine Sonnenbrille geben soll, wollte ich aber nicht so recht glauben. Nun überreicht mir Ingo tatsächlich das gute Stück. Danke dafür!!!


Das Foto des Tages der 2. Etappe….

…und ich mit meiner neuen Sonnenbrille. Foto: Carlos Fernandez Laser

Kurz darauf werden wir auf die Strecke entlassen. Kopf runter und durch. Mein Plan für heute heißt: gleichmäßige Trittfrequenz halten und nicht aufgeben. Es geht beständig aber mäßig bergauf. Zweistellige Steigungswerte sind selten, es lässt sich also gut fahren. Auch mit dem Regen komme ich gut klar. Regenjacke und -hose halten dicht, mein Schwitzen hält sich in Grenzen und nur in meinen Schuhen steht das Wasser. Die meiste Zeit fahre ich alleine und hänge meinen Gedanken nach. Radfahren als Meditation – heute funktionierts. Der erste Checkpoint überrascht mich daher etwas. Mein Magen meldet Hunger und es gibt ausreichend Möglichkeiten. Neben heißem Tee bietet man uns Wurst, Käse, Cracker, sowie die üblichen Riegel und Bananen an. Die Ausgabe der Verpflegung erfolgt heute kontrolliert, so dass es keine Engpässe geben sollte. Damit reagierten die Veranstalter auf die ausgesprochene Kritik an den ersten beiden Etappen. Bis zum höchsten Punkt der heutigen Etappe sind es nur noch 20 Kilometer. Gemeinsam mit Peer und einem weiteren Fahrer nehme ich diese zeitnah in Angriff, auch weil der Regen wieder an Intensität zugenommen hat. Die Landschaft zu beschreiben fällt mir schwer. Im Naturpark Fanes-Sennes wird das Gelände alpiner. Die Straße windet sich flankiert von bis zu 2.000 Meter hohen Bergen in Richtung Süden. Die Gipfel der Riesen sind tlw. wolkenverhangen und der unablässig niederprasselnde Regen erschwert die Sicht. Meine Mitfahrer haben sich Tücher über Mund und Nase gezogen. Mich schützt mein Bart. 😉

Foto: Björn Reschabek

Unser Grüppchen zerfällt und ich fahre solo über den höchsten Punkt der Etappe und bleibe es auch bis ins Ziel, im nun 110 km entfernten Vittorio Veneto. Das kommt mir aber ganz recht. In Cortina d’Ampezzo nehme ich mir die Zeit für ein Landschaftsfoto.

Kurze Zeit später weist mich ein Schild darauf hin, dass ich mich nun in Venetien befinde. Genauer gesagt im Cadore. Hier zu sein ist der eigentliche Grund meiner Teilnahme, denn in diesem Tal wurde mein Urgroßvater geboren. Mit großen Augen hörte ich als Kind meiner Oma zu, wenn sie vom Tal der Eismacher erzählte, das sie selber nur einmal besuchen konnte und ich weiß noch, wie ich ihr immer wieder versicherte, selber einmal dorthin fahren zu wollen. Jetzt bin ich alter Sack fast 47 und endlich ist es soweit. Unerwartet schießen mir Tränen in die Augen. In San Vito di Cadore befindet sich der zweite Checkpoint und hier treffe ich wieder auf Peer, dem ich die gerade gemachte Erfahrung schildere. Er führt die Rührseligkeit zunächst auf Erschöpfung zurück… ich denke, es ist eine Mischung aus Freude und Trauer. Und die Haut ist evtl. auch ein bisschen dünn geworden durch den Regen. Kulinarisch gibt es diesmal wieder nichts zu meckern. Von Biscotti bis Strudel alles da. Eine längere Pause wäre möglich, ich möchte aber weiterfahren. Links von mir wacht der 2.800 Meter hohe Antelao über das Tal. Die Ortschaften sind pittoresk bis mondän, die Landschaft rechts unter mir lieblich, grün und weit. So käsig es klingen mag, aber es fühlt sich an, als würde ich nach Hause kommen. Als ich den Geburtsort meines Urgroßvaters erreiche muss ich absteigen und pausieren. Venas di Cadore wirkt verlassen, ein Großteil der Gebäude scheint leerzustehen. Abblätternde Farben und maroder Putz wohin man blickt. Über Caralte fahre ich in Richtung Tal. Und wieder drückt der Gegenwind von vorne. Die Berge schrumpfen auf Mittelgebirgsniveau, das Tal wird breiter und dem Blick stellt sich weniger in den Weg. In Soverzene begrüßt der Bürgermeister die Radfahrer persönlich mit Kuchen und belegten Brötchen. In meinem Fall dringend notwendiger Treibstoff. Am See des heiligen Kreuzes erwarten mich nochmal 70 schmerzhafte Höhenmeter, danach führt uns ein wunderschöner Downhill fast bis nach Vittorio Veneto. Bremsen auf und laufen lassen. Und auch der Wind hat ein Einsehen und nervt nicht länger. Im Ziel muss ich dann noch ein paar Mal weinen. Vor dem Rathaus herrscht Volksfeststimmung. Die Sonne ist schon lange untergegangen, als auch der Handbiker Justin Levene ins Ziel fährt. Dort erwarten ihn mehrere Hundert Teilnehmer und feuern ihn auf den letzten Metern frenetisch an. Und wieder fließen Tränen. Alles und jeder liegt sich in der Armen und feiert den anderen. Heute trennen uns weder Platzierungen noch Sprachbarrieren. Wir sind eins! Ahnma!