Text: Bernd Hallmann
Fotos: Frank Baumhammel
Wie viele andere Menschen in Deutschland litt ich regelmäßig unter Rückenschmerzen. Mal äusserten sich diese in einem permanenten Druck im unteren Lendenwirbelbereich, mal setzten mich stechende Rückenschmerzen oder Taubheitsgefühle ausser Gefecht. Nach einem im Jahr 2000 diagnostizierten Bandscheibenvorfall und 6 Stunden Rückentraining und Rückenschule die von der Krankenkasse übernommen wurden, war ich damit weitestgehend auf mich alleine gestellt.

Im Jahr 2005 verletzte ich mich am rechten und 2006 am linken Sprunggelenk, was besonders rechts zu einer Fuß-Knie-Instabilität führte. Durch das stetige unbewusste entlasten des rechten Fusses, gewöhnte ich mir eine durch und durch falsche Körperhaltung an. Das rächte sich durch zunehmend stärkere Rückenschmerzen u.a. in Folge von muskulären Verspannungen.

Schuheinlagen, Osteopathie, gesundheitsorientiertes Krafttraining mit dem Fokus auf Rückenleiden (MKT mit isometrischer Kraftmessung), Pilates, Schwimmen, Yoga und klassische Physiotherapie… ich probierte einiges aus. Und tatsächlich nahmen die Beschwerden ab. Aber auch nicht mehr. Meine letzte Physiotherapeutin war es, die sich 2011 die Mühe machte, die Sache ganzheitlich anzugehen und sie war es auch, die mir den Rat gab, es mal mit slacklinen zu probieren.

Slackline, das klingt trendy, beschreibt aber nichts anderes als das Begehen von schlappen Seilen und ist wahrlich keine neue Idee. Bereits 260 v. Chr. war „Funambulus“ (funis=Seil, ambulare=gehen) weit verbreitet, z.B. um Schluchten zu überqueren. Seit den 1960er Jahren bewegten sich Kletterer zum Spaß und wegen möglicher positiver Nebeneffekte auf durchhängenden Absperrketten oder alten Kletterseilen, die mit einem Flaschenzug oder Anhängerkupplungen gespannt wurden. Adam Grosowsky und Jeff Ellington jedoch waren es, die Anfang der 1980er ein beim Klettern verwendetes Schlauchband aus Kunstfaser spannten und damit das Slacklinen, wie wir es heute kennen, erfanden. Ellington entwickelte auch den unter seinem Namen bekannten sich selbst abklemmenden Flaschenzug. Mit Dean Potter, einem amerikanischem Extremkletterer, wurde in den frühen 1990ern ein neues Kapitel des Schlappbandgehens aufgeschlagen. Seine spektakulären ungesicherten Highline-Begehungen und die Kombination von Basejumpen und Highlinen sind Inspirationsquelle und ein unerschöpflicher Quell kontroverser Diskussionen zugleich. Von ihm hatte ich schon einige Clips gesehen und so kam mir der Rat meiner Physiotherapeutin sehr gelegen, denn ich hegte schon seit einiger Zeit den Wunsch, mal auf einem dieser Bänder zu laufen. Dummerweise war Winter, aber zum Glück gab (und gibt) es in unserer Kleinstadt eine kleine Gruppe von Leuten, die sich trotzdem regelmäßig zum Slacken in einer Sporthalle trafen. Der Kontakt war schnell geknüpft und schon stand ich mit Schmerzen im Rücken neben der Line, denn aller Anfang ist schwer. Mit etwas Hilfestellung und einigen Tipps konnte ich nach einer halben Stunde selbständig auf der Line stehen, eine weitere halbe Stunde später gelangen mir die ersten Schritte.
Slacken_7©Frank_Baumhammel
Es gibt, was meinen Rücken betrifft, die Zeit vor dem Slacklinen und die Zeit danach. Ich hatte keine Wunder erwartet und der Tag nach dem ersten Mal fühlte sich nicht anders an als die Tage davor. Ich wachte mit Rückenschmerzen und steifem Rücken auf. Immerhin brauchte ich nur ca. eine viertel, statt einer halben Stunde um aufrecht stehen zu können. Und so machte ich weiter. Einmal die Woche ging ich zur Physiotherapie, einmal zum Klettern und einmal zum Slacken. Ich schreibe es dieser Kombination zu, dass ich nach ca. 6 Wochen schmerzfrei war und es, bis auf wenige Ausnahmen, bis heute bin.

Nachdem ich von einer eher kurz gespannten, wenig dynamischen Line auf eine 2,5 cm breite Trickline mit mehr Dynamik umstieg, stellten sich Lernfortschritte deutlich schneller ein. Sofern es die Zeit zuliess und überall dort wo ich nicht auf massive Gegenwehr stiess, spannte ich mein Band und begann zu laufen. Das das Verletzungsrisiko dabei relativ gering ist, kam mir mit kurz nach vierzig sehr entgegen. Bei Sprüngen oder Drehungen ist die größte Gefahr, dem inneren Schweinehund Gehör zu schenken, der einem einzureden versucht, man solle das doch lieber lassen. Auf alle Fälle sollte man aber einen weicheren Untergrund als Beton für das Einstudieren von Tricks (und dazu zählen auch das Stehen oder Laufen auf der Line) wählen und Hilfestellungen nicht ablehnen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, mit zunehmender Weite oder Höhe der Line nimmt das Verletzungsrisiko zu. Dementsprechend sollte man sich auch sichern. Eine Highline in mehreren Metern Höhe laufe ich nicht ungesichert. Nicht zu unterschätzen sind auch die Kräfte die entstehen, wenn sich eine Line z.B. durch unsachgemäße Befestigung plötzlich löst. Ein zweiter Blick und redundante Sicherungen haben schon manchen Unfall verhindert.

Als ich nach mehreren Monaten regelmäßigen Slackline-Trainings wieder auf ein Bike stieg, blieb zunächst der regelmäßig im Uphill sich meldende Rückenschmerz aus. Interessanterweise bemerkte ich keine wesentliche Verbesserung der Balancefähigkeiten auf dem Rad, auf dem Trail fühlte ich mich allerdings viel beweglicher, das Gesamtbefinden auf dem Rad fühlte sich stimmiger und weniger steif an und mir kam es vor, als hätte sich mein Reaktionsvermögen verbessert. Durch das verbesserte Körpergefühl traute ich mir auch wieder zu, den ein oder anderen Sprung mitzunehmen. Ich bin weder Mediziner noch Physiotherapeut und ich möchte keine der von mir genannten Therapien in Frage stellen, nur erbrachten diese nicht den gewünschten Erfolg.
Slacken_6©Frank_Baumhammel
Die Physiotherapie habe ich Anfang 2013 beendet. Trotzdem bin ich nach wie vor weitestgehend schmerzfrei und bahnt sich Rückenschmerz an, gehe ich wenn möglich sofort auf das Band. Auch bei psychischem Stress hilft mir das Slacken mich zu erden. Slackine trainiert nicht nur die Physis, sondern auch die mentale Stärke. Das Fokussieren auf einen Punkt beim Begehen des Bandes lässt mich alles andere um mich herum vergessen. Gelingt es mir, über die komplette Länge eines Bandes zu laufen, fühle ich mich wie neu gestartet. Und muss ich absteigen bin ich nur selten frustriert. Es gibt natürlich auch Tage, da funktioniert gar nichts, weil der Kopf nicht zur Ruhe kommt. Da hilft nur eins: absteigen, ausatmen, nochmal probieren.

Hintergrundinfos:
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Trickline und Jumpline. Die Lines bestehen entweder aus Polyamid oder Polyester, was sich merklich im Dehnungsverhalten widerspiegelt. Tricklines sind zwischen 2,5 und 3,7 cm breit und lassen sich mittels einer Ratsche oder eines Ellington-Flaschenzuges bis ca. 30 m weit spannen. Die benötigte Höhe nimmt bei größer werdenden Abstand stark zu. Jumplines sind 3 bis 5 cm breit, werden ebenfalls mit der Ratsche oder einer Kombination aus Ratsche und Ellington-Flaschenzug gespannt. I.d.R. spannt man Jumplines in einem Abstand von bis zu 15 m. Spannt man eine Slackline einen Wasserlauf querend hat man eine Waterline und wer sich in luftige Höhen vorwagt begeht eine Highline. Highlines sind jedoch wie auch Longlines, also Bänder die 50 m und länger gespannt werden, weniger weit verbreitet. Der zu betreibende Aufwand und nicht zuletzt das u.U. höhere Verletzungsrisiko verhindern eine zu starke Verbreitung dieser sehr interessanten Spielarten.

Die sehr dynamische Eigenbewegung der Slackline erfordert ein aktives Ausgleichen. So werden Balance, Konzentration und Koordination des Slackers trainiert. Auch im Rehabereich der Physiotherapie macht man sich diesen Trainingseffekt schon länger zu Nutze. Hier vor allem beim propriozeptiven (sensomotorischen) Training. Trainiert werden Arme, Beine, die Gesäßmukulatur, sowie die Rücken- und Bauchmuskulatur. Slacklinen ist ganzheitliches Training. Beim barfuss laufen stimuliert man sogar diverse Fußreflexpunkte.

Auch im Rahmen einer Psychotherapie wird Slacklinen eingesetzt, z.B. als begleitende Maßnahme bei der Behandlung von ADHS.