Hinweis
Im Text nenne ich Markennamen. Aber nicht, weil ich dafür bezahlt werde. Unser Load habe ich ganz gewöhnlich im Fachhandel erworben. Werbung ist es vermutlich trotzdem.

Vor knapp 6 Jahren standen meine Frau und ich in einem Radladen in Frankfurt am Main. Kurz zuvor hatte ich verschiedene Cargobikes getestet und mein Augenmerk vor allem auf ihre Eignung als Kindertaxi gelegt. Mein Favorit stand schnell fest, nur harmonierte der Verkaufspreis nicht mit unserer Budgetplanung. Die Entscheidung wurde also vertagt und das Kind fuhr mit Mama oder Papa weiter im Anhänger spazieren. Inzwischen fährt das Kind aber selber. Und das mit mehr Verstand, Übersicht und Talent, als der alte Mann der sich Vater nennt.

Grundsätzlich setzen sich gute Ideen bekanntlich irgendwann durch. Geduld (oder Schmerzen) vorausgesetzt. Nun könnte ich erzählen, wie sehr mich das Thema Individualmobilität in Zeiten des Klimawandels beschäftigt. Und das wäre auch nicht gelogen. Unterm Strich wollte ich aber ein Lastenrad haben. Oder ein Liegerad. Das es nun Ersteres geworden ist, liegt auch an Arne Behrensen, mit dem ich im Rahmen der Eurobike 2017 (zum Bericht) einige Zeit verbrachte und dessen Blog cargobike.jetzt ich seitdem regelmäßig lese.

Warum ein Cargobike?

Unseren Diesel lassen wir immer öfter stehen. Mein Büro, die Arbeitsstelle meiner Frau, die Schule, ein Supermarkt, drei Wochenmärkte, Ärzte und Freizeiteinrichtungen sind per pedes erreichbar. Längere Distanzen lege ich mit dem Rennrad oder dem Crosser zurück. Was mich aber immer störte, war das beschränkte Ladevolumen meiner Räder, denn öfter hatte und habe ich als freiberuflicher Grafiker Drucksachen zu transportieren, regelmäßig haben wir als Familie Bedarf an Getränken, der Hund muss zum Tierarzt, Müll zum Bauhof, Baustoffe nach Hause, das Kind zum Arzt etc..

Die Anforderungen

Wie bereits geschrieben hatten wir einen Anhänger für den Kurzen, diesen haben wir ausgiebig genutzt, auch zum Einkaufen. Ausserdem besaßen wir ein Modell ausschliesslich für Lasten, damit wurde ich aber in all den Jahren nicht wirklich warm, bzw. es stellte sich keine Nutzungsroutine ein. Viel zu oft war es einfach bequemer das Auto zu benutzen. Aber auch kostenintensiv und unhandlich. Von den Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Am klimafreundlichsten ist bekanntlich das Produkt, das gar nicht erst produziert wird. Also setzte ich mich hin und schrieb in mein Lasten- und Pflichtenheft, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um eine Investition wie die beim Kauf eines Lastenrades anstehende zu rechtfertigen. Ganz oben auf der Liste stand

  • „Ein Rad für alles und jeden.“

Klar war, dass meine Frau und in absehbarer Zeit auch mein Sohn das Rad benutzen sollen (wenn sie möchten). Ein One-size-fits-all-Modell also. Die Zuladung sollte dabei mind. 80 kg betragen.

  • Einfaches Handling, Hilfsmotor und Reichweite

Ein Fahrrad ist ein Fahrrad ist ein Fahrrad. Ja und nein. Ein Rad mit einer Ladebox vor dem Lenker fährt sich einfach anders. Wo sitzen die coolen Kids im Bus? Genau, hinten. Und da sitzt ihr nun. Und lenkt. Und das über ein Gestänge. Also sehr indirekt. Und bis ihr euch daran gewöhnt habt, dass der Lenkeinschlag durch eben dieses Gestänge stark eingeschränkt ist, habt ihr verlernt, Rennrad zu fahren. Für mich sind Zweispurer (Dreiräder) mit Box vorne ein Graus. Irgendwie sieht das immer so aus, als würde man versuchen eine Schrankwand um die Ecke zu schieben. Und so fahren sie sich in meinen Augen auch. Ich komme mit einem Einspurer einfach besser klar. Allerdings nervt das „Flattern“ des Vorderrades bei hohem Tempo ohne Ladung. Aber sportlich sein wollen kostet eben.

Die ersten Fahrversuche mit einem Lastenrad absolvierte ich noch ohne Hilfsmotor. Das war mit Kind in der Box an einer Ampel im Stadtverkehr eine eher unschöne Erfahrung. Zumal Kinder selten ruhig sitzen. Und bis man ausreichend stabilisierende Geschwindigkeit erreicht hat, dauert es ein bisschen. Das Schöne an einem Hilfsmotor ist ja, man kann, muss ihn aber nicht nutzen. Wird man aber tun. Einfach weil es Spaß und (sehr oft) sogar Sinn macht. Eben wie beschrieben, um nicht im Straßenverkehr vor sich hin zu wackeln. Oder um tatsächlich Lasten zu transportieren. Zwei oder drei Kisten Wasser in der Box und ein kleiner Hügel wird zur echten Herausforderung. Wenn Motor, was ist dann aber, wenn nach 30 oder 40 km der Saft alle ist?

  • Bequem, voll Alltagstauglich

Von Anfang an war klar, dass ich das Lastenrad eben nicht nur zum Transport, sondern auch zum Pendeln nutzen werde. Bei Wind und Wetter, Sonnenschein und Dunkelheit. Und ja, auch ich finde ein Rad ohne Schutzbleche und feste Beleuchtung sexy. Schon als kleiner Junge rippte ich meine Räder, um sie möglichst StVZO unkonform zu machen. Aber das bedeutete bislang auch, ohne Licht zu fahren, weil die Akkus der Lampe mal wieder nicht geladen waren oder mit einem nassen Fleck am Hintern herum zu laufen, weil die Steckschutzbleche offensichtlich Beine bekommen hatten. Also, Lampe und Schutzbleche. Und wo wir gerade dabei sind… ein Gepäckträger für ein paar Ortliebtaschen wäre auch nicht schlecht. Und eine Federung… wegen der Bandscheiben und ausserdem werde ich bald 50.

  • DI2 und Scheibenbremsen

Von der Schaltperformance einer Nexus war ich nicht überzeugt und die Idee einer elektronischen Schaltung an einem Pedelec gefiel mir. Über die Sinnhaftigkeit darf man sich streiten. Bis jetzt bereue ich nichts! Und über die Vorteile einer Scheibenbremse am Lastenrad muss man, glaube ich, nicht reden.

  • Seitenwände oder eine Box

Da auch lebendes Gut befördert werden sollte und damit dieses bei Regen nicht komplett eingesaut wird, war relativ schnell klar, dass das Rad Seitenwände haben soll. Oder eine Box. Oder eine Kabine.

Am Ende standen noch drei Bewerber auf meinem Wunschzettel:
  • LarryvsHarry Bullit
  • Riese + Mueller Load Touring
  • Babboe City E

Das Bullit ist mein Traum von einem Lastenrad. Also rein optisch. Aufgeräumt und puristisch, ob mit Drop- oder Flatbar, Singlespeed oder schaltbar, es sieht immer super sexy aus. Eben der Sportwagen unter den Cargobikes. Sehr wendig und mit ca. 23 kg relativ leicht. Und es fährt sich auch sportlich. Um die Analogie zum Sportwargen aufrecht zu erhalten, das Bullit will gefahren werden. Man muss ihm zeigen wer der Boss ist. Ich mags… aber als Familienkutsche doch zu speziell.

Das Load bin ich am meisten gefahren. Im Gegensatz zu den Bullit-Modellen steht es nur mit E-Antrieb zur Verfügung. Man sitzt weniger sportlich und es reagiert auch etwas träger. Der Lenker lässt sich nicht nur in der Höhe, sondern auch in der Neigung verstellen und ist so individuell anpassbar. Es ist anders cool, weniger Berlin, eher ein sportliches Castrop-Rauxel.

Am budgetfreundlichsten der gelisteten Räder ist mit Abstand das Babboe. Die Probefahrt verlief ohne Vorkommnisse, das Rad erfüllte seinen Dienst, hinterließ aber nur einen schwachen Eindruck bei mir. Mit Kind in der Box hatte ich das Gefühl, der Rahmen des Rades würde sich samt und sonders verwinden. Das fühlte sich nicht gesund an. Auch reagierte der Hilfsmotor merklich verzögert im Vergleich zu den anderen Modellen. Und in Sachen Verarbeitung hinkt das Babboe ebenfalls hinterher, aber irgendwo muss man den Sparschaber ja ansetzen, um unter 3.000 € zu bleiben. Das Preis-, Leistungsverhältnis stimmt bei Babboe würde ich sagen. Aber auf Grund der beschriebenen Erfahrungen konnte es mich nicht überzeugen.

Dann lieber noch ein bisschen sparen und einige Jahre später….

…ist es ein Load Touring geworden. Inkl. hoher Ladebox und kurze Zeit darauf auch noch mit Gepäckträger. Und trotz des beachtlichen Aufpreises habe ich mich für ein Dual Battery System entschieden, um die Reichweite zu erhöhen. Der Hersteller schreibt dazu:

„DualBattery ist die perfekte Lösung für Tourenbiker, Langstreckenpendler, Lastenradler oder eMountainbiker. Die Kombination aus zwei Bosch Akkus liefert bis zu 1.000 Wattstunden und kann in nahezu allen Akkukombinationen vom Hersteller verbaut werden. Das System schaltet beim Laden und Entladen intelligent zwischen den beiden Akkus um.“

Je nach Streckenprofil, Beladung und gewählter Unterstützung fahre ich mit zwei voll geladenen Akkus 90 bis 160 km bei täglicher Benutzung, denn ich fahre damit Alles überallhin. Schränke mal ausgenommen. Bei flachem Profil nutze ich den Eco-Modus oder fahre gleich ohne Unterstützung. Bis dato habe ich seit Mitte Juli 2018 ca. 1.1oo Kilometer zurück gelegt. Schöne, spassige, ganz selten stressige Kilometer. Stressig auch nur, wenn ein Radweg z.b. durch Treppen gewürzt wird. Dann machen sich die 35 kg Gewicht bemerkbar. Ein nettes Feature ist die Schiebeunterstützung, nur nutzt diese bei Treppen leider auch nicht. Treppen hinunterfahren geht hingegen ganz ohne Unterstützung, auch wenn man das vermutlich nicht tun sollte. Ich war aber stinksauer. Wie kann man einen Radweg an einer Brücke mit Treppe enden lassen?

Auch meine Frau fährt inzwischen in der Box mit. Sei es zum Kaffee trinken oder auch mal in den Baumarkt, um Pflanzen zu kaufen. Das ist insofern interessant, weil sie von Anfang an klar gemacht hatte, sie würde sich nicht in die Ladebox setzen. Aber einfach mal machen. Bequem ist sicherlich anders, aber die Blicke der Passanten unbezahlbar. Und auch der Wechsel zwischen meinen 188 und ihren 169 cm klappt dank des in der Neigung verstellbaren Lenkers besser als gedacht.

Tipps zum Probefahren:

Schaut Euch verschiedene Modelle an und fahrt sie ALLE! Das erste Mal auf einem Lastenrad fühlt sich vermutlich strange an und ist nicht geeignet, ein abschliessendes Urteil über den fahrbaren Untersatz zu fällen. Nehmt Euch die Zeit und einen Händler mit ausreichend Geduld und einer breiten Modellpalette. Habt ihr euren Favoriten ausgemacht, packt Eure Kinder ein und macht eine Probefahrt mit lebendiger Fracht. Lastenrad fahren ist ein großes Abenteuer. In der Stadt sowieso.