Text: Dr. Dorie, Fotos vom Enkel und Martin Donat lifecyclemag

„And here we are
Half past three in the morning
I can’t get no sleep“
(Insomnia / Faithless)

Eine Schutzhütte irgendwo im hohen Fläming kurz vor Bad Belzig mitten in der Nacht. Nebel kriecht umher, es raschelt im Gras. Alles schläft. Einer wacht. Wie er sich auch dreht und wendet, der Enkel kann nicht schlafen. Sein Biwacksack, eine an den Rändern verklebte Rettungsdecke, knistert elektrisch bei jeder Bewegung. Ich kenne das schon. Auf dem Rad so müde, dass an Weiterfahren nicht zu denken ist und kaum liegt der Mann, stürmen Gedanken auf ihn ein uns lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Irgendwann steht er auf und verlässt die Hütte. Und es kehrt Ruhe ein. Den Hüttenboden teilen wir uns mit Jolanta, einer der wenigen Frauen die den Candy fahren. Auch sie ist das zweite Mal dabei. Martin hat sich mit seinem Zelt hinter der Hütte eingerichtet und irgendwann im Verlauf der Nacht trifft ein weiterer Fahrer ein und bettet sich zur Ruhe. Auch der Enkel taucht wieder aus dem Nebel auf und kriecht in seinen Schlafsack. Linke Seite, knisterknister, rechte Seite, raschelknister, Rückenlage, knisterknister, Bauchlage. Aber er schläft nicht. Zum Glück wird die Nacht irgendwann von einem trüben Morgen abgelöst. Jolanta schlägt vor dem Leben des Enkels ein vorzeitiges Ende zu bereiten, ob seiner unseligen Knisterei in der Nacht. Bevor aber die Messer gewetzt werden können, setzt man sich lieber auf die Räder und fährt weiter.

„We’ll rise up early, with the sun
To ride the bus while everyone is yawning
And the day is young
In morning Morgantown“
(Morning Morgantown / Joni Mitchell)

Die Sonne lässt sich noch nicht blicken, das verhindern Schwaden feuchtkalter Luft. Und was ich aus dem Augenwinkel für eine Futterkrippe auf freiem Feld gehalten hatte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Hirsch. Evtl. handelt es sich aber auch um eine als Hirsch getarnte Futterkrippe, denn Bewegung kann ich keine erkennen und im nächsten Moment wird das Trugbild vom wabernden Nebel weggespült. In einer Tankstelle kurz hinter Bad Belzig versuchen wir unser Glück auf der Suche nach Kaffee und Frühstück. Das erste was ich allerdings sehe, ist die Schlagzeile eines Boulevardblatts. Der Mann mit dem Hamstertoupet hat Damaskus beschießen lassen. Schönen Sonntag wünsche ich. Mit dem ersten Schluck Kaffee versucht der Enkel den Kloß in seiner Kehle los zu werden. Frühstück gibt es keines. Macht nichts, denn ich habe ohnehin keinen Hunger mehr.

„Come to the sunshine
Share in the quiet of knowing
No need for telling you sometimes
When all the answers are
So plainly showing“
(Come to the sunshine / Joni Mitchell)

Mir ist kalt, ausser dem Knirschen der Reifen auf dem Forstweg und dem gleichmäßigen Atmen der beiden Pedalritter ist der Wald still. Zwischen den Baumwipfeln blinzelt ab und zu eine trübe Sonne auf uns hinab. Und wie auf Kommando verlangsamt der Enkel jedesmal das Tempo und hält seine blasse Nase in ihr trübgelbes Licht. Langsam findet die Welt um uns herum ihre Farben wieder. Aus Grau wird gelb, grün und braun. Und eine vage Hoffnung übernimmt das Ruder.

„Little darling, it’s been a long cold lonely winter
Little darling, it feels like years since it’s been here
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right.“
(Here comes the sun / Beatles)

Ich konstatiere… wir kommen gut voran. Aber es ist so langweilig wie lange nicht. Die Strecke führt mehr oder weniger schnurgerade durch den Wald. Links Bäume, rechts Bäume. Abwechslung bieten lediglich die Querungen der L88 sowie der A10. Links von uns liegen Schwielow- und Templiner See, nur man sieht sie nicht. Die Sonne aber und sie gibt Gas. So langsam meldet sich auch der Hunger zurück. Im luftgefüllten Tiefpaterre rumpelt es gewaltig. Nach Überquerung des Teltowkanals im Düppeler Forst wird das Gelände wieder anspruchsvoller, sogar ein Trail rutscht unter unsere Gravelschuhe. Für einen Moment passe ich nicht auf und schon sind wir am Wannsee. Menschen… überall. Sie lachen, singen, verteilen Flyer und – essen! Vor einer Bäckerei finden wir einen Platz an der Sonne und in ihr eine Auswahl an Süßkram. Während wir in stiller Eintracht kauend vor dem Ladengeschäft sitzen spricht uns ein Einheimischer an. Was als normales Gespräch beginnt, wird mit jeder Sekunde die wir nicht antworten absurder. Anscheinend sind wir aber keine würdigen Opfer und unser Gesprächspartner monologisiert sich davon. Nach 20 Minuten erklären wir das Frühstück für beendet, denn der Grunewald ruft und lockt mit seinen Trails. Und liefert! Kreuz und quer zirkeln wir zwischen Bäumen umher, die Trails sind griffig und die Satteltasche quittiert den Ritt mit pflichtschuldigem Aufschaukeln. An der S-Bahn-Station Grunewald hat der Zauber dann aber leider ein Ende.

„Hot town, summer in the city
Back of my neck getting dirty and gritty
Been down, isn’t it a pity
Doesn’t seem to be a shadow in the city“
(Summer in the city / The lovin‘ spoonfull)

Sonntag, der 15. April 2019 in Berlin. Auf den Plätzen und Wiesen der Parks tummelt und lümmelt sich allerhand Volk. Es fühlt sich an wie Sommer. Hundegebell, Kinderlachen, irgendwo wird ein Fußballspiel abgepfiffen. Und mittendrin drei sehr schmutzige Reisende auf Fahrrädern, von denen mindestens einer sehr nasse Füsse hat und der seit drei Tagen die gleichen Socken trägt. Wo sind Antimykotika wenn man sie braucht? Die Füße brauchen sehr dringend sehr viel frische Luft, aber noch sind wir nicht am Ziel. Die Stadt hält uns in Atem. Der Verkehr bremst uns aus. Aber wir finden unseren Weg und rollen dann doch mehr oder weniger überrascht über die südliche Start- und Landebahn von Berlin Tempelhof. Auf diesen zwei Kilometern tut der Enkel so, als wollte er starten, nicht ankommen. Alles was noch an Körnern in den Beinen ist wird in die Pedale getreten. Auf und neben der Bahn sitzen Familien mit Kindern, manche grillen, andere lassen Drachen steigen. Das wirkt alles so absurd, so surreal und unecht, als führen wir durch ein Popart Gemälde. Kurz macht sich Verwirrung breit, denn das Luftbrückendenkmal ist weit und breit nicht zu sehen. Wie der Track verrät, muss man noch um das Hauptgebäude herumfahren. 600 Meter noch, dann 500, hinter uns ruft jemand. „Hej, Candy Graveller….“ Der Enkel ist pampig und möchte nicht anhalten. 300 Meter, dann 200… noch 100 und da ist sie, die Kralle. Auf der Wiese vor dem Denkmal kommen wir zum Stehen, legen die Bikes hin und strecken erst einmal alle Viere von uns.

Berlin, wir sind in Berlin. Nicht zum ersten Mal und auch nicht zum ersten Mal mit dem Rad, aber das hier ist anders. Größer, bedeutsamer. In welchem Kontext? Das gilt es in den nächsten Tagen und Wochen heraus zu finden. Jetzt erstmal Fotos machen. Alles muss unmittelbar instagrammisiert werden. Fisch mit und ohne Fahrrad, Fahrrad ohne Fisch, aber nie ohne Kralle. Im Anschluss rollen wir entspannt zur Velo. Dort warten bereits viele der Pilotinnen und Piloten in der Candy-Lounge, sitzen bei Kaffee und Bier zusammen. Ihre verdreckten Räder parken unweit und locken viele Ausstellungsbesucher an. Welchen Strapazen Mensch und Maschine ausgesetzt waren, kann man förmlich riechen. Jeder hier hat seine Schlacht geschlagen, wir haben dem Regen getrotzt, Fremde sind zu Freunden geworden und einige Kinderherzen werden in den nächsten Tagen höher schlagen.

Der Enkel hat im Anschluss an den #cbg18 ein bisschen mit Regine Heidorn geplaudert. Das kann man hier hören:

Regine und der Enkel unterhalten sich

 

#CBG18: Teil 1:

#cbg18: Vom Mitnehmen und Mitbringen

#CBG18: Teil 2:

#cbg18: Vom Regen

#CBG18: Teil 3:

#CBG18: Von Menschen