Ach, was ist das schön. Mit dem zweiten Kaffee des Tages in bequemer Klamotte am Tisch zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen. Nicht, dass sich das lohnen würde. Wobei… heute kann man zumindest etwas Sonne hinter der dicken Wolkenschicht erahnen. Schnee ist, wie bei uns üblich, Mangelware. Und der einzige Farbfleck sind die gelben Säcke, die sich vor der Haustür des Nachbarn stapeln.

Zu Hause ist es einfach am Schönsten. Sowas dachte ich mir auch in den Tagen zwischen dem 24. und 31.12., und schmiedete einen kühnen Plan, um aus den 4.800 Jahreskilometern irgendwas mit einer 5 davor zu machen. Ja, richtig gelesen. Bike2work und etliche Kurzfahrten zählte ich dieses Jahr nicht mit und da stand am Ende diese ernüchternde Zahl. Die 500 Kilometer der Festive kamen mir da gerade recht. 8 familienkompatible Fahrten zu je 62,5 Kilometer sollten es werden. Dann ist man mit Pausen in maximal 4 Stunden durch und kann noch mit dem Sohn spielen, Verwandte und Freunde besuchen, den Keller aufräumen und was man sonst so zwischen den Jahren macht.

Am heiligen Abend, viel mehr in den Stunden vorher war aber nicht an Radfahren zu denken. Gedacht habe ich trotzdem daran, nur gefahren bin ich nicht. Dafür ging es dann aber am 25. nach einem späten Familienfrühstück los. Spät unter anderem deshalb, weil ich dank meines Migränehintergrunds eine unruhige Nacht hinter mir hatte. Noch immer pochte es im Schädel, da halfen auch keine Pillen. Meine Hoffnung war nun, dass gleichmäßige Bewegung an der frischen Luft die Sache verbessern könnte. Oder verschlimmern. Also ließ ich es darauf ankommen. Das Wetter kam mir insoweit entgegen, dass es mal nicht zu warm war. Mit dem Rad aus dem Keller tretend, stieg ich in eine feuchtkalte weiße Tüte. Ein Baum war kaum von einem Telegrafenmast zu unterscheiden, also blickte ich während der Fahrt in mich hinein. Aber sehr sonnig sah das auch nicht aus. Es war eine gute Idee, sich kleine Ziele zu setzen, denn mehr wäre nicht drin. So weiss ich wenigstens, dass am späten nachmittag Kuchen und Kaffee darauf warten von mir besucht zu werden. Über Wiesen und Felder führt mich mein Weg in Richtung Wetzlar. Die Füße sind doppelt besockt trotzdem in Bälde eiskalt. Aber das Pochen im Kopf lässt nach. Die Wende der Strecke markiert der Dutenhofener See. Und als ich so am Seeufer entlang rolle, brechen mehrere Sonnenstrahlen durch den Nebel und tauchen das gegenüberliegende Ufer für Sekunden in goldenes Licht. Und ich darf diesem Schauspiel beiwohnen. Also halte ich einen Moment inne und sauge die Farben und die Wärme auf. Für diesen Moment hat sich die Fahrt gelohnt und ich kann zufrieden umdrehen. Pünktlich zum Nachmittagskaffee treffe ich am Zielort ein. Und auch die Kopfschmerzen sind wieder da und haben noch einen Freund mitgebracht. Übelkeit heißt er und begleitet mich dann auch auf meinem Weg durch die Dunkelheit nach Hause. 88 im Sack, bleiben noch 412 Kilometer. #festive500, Tag 1: Dutenhofen

Das mit den Gewässern ist eine feine Sache, also beschliesse ich an Tag zwei meiner Festive einen nahe gelegenen Stausee anzufahren. Da das Wetter alles andere als einladend ist, die Beine sind vom Vortag ohnehin noch schwer, dauert es wieder bis zur Mittagszeit bis ich loskomme. So wirklich hell wird es nicht. Eine etwas dunklere Nuance des dieser Tage voherrschenden Graus. Zum Ausgleich ist es aber kälter. Feines Wetter, wenigstens ehrlich. Kurz vor dem Wendepunkt setzt sogar Eisregen ein. Nun wird es spannend. Die Mütze sitzt schon tief im Gesicht, eine Brille schützt die Augen und ein Schlauchtuch verhüllt Mund und Nase. So bleiben die Kopfhörer gut versteckt, denn ich höre in moderater Lautstärke Musik. Erst ‚Decades‘ von Nils Wülker, danach ‚Soft Power‘ von Doe Paoro. Die Hoffnung auf ein geöffnetes Café in der Nähe des Sees wird durch lichtlos blickende Fenster zunichte gemacht. Trotzig setze ich mich auf die Staumauer und trinke mein Wasser, in dem kleine Eisbrocken schwimmen. Kleinere Rudel Menschen ziehen fragenden Blicks scheu an mir vorrüber. Kurz nach dem Aufsitzen hole ich einen Teil von ihnen wieder ein, zur besseren Herdenkontrolle und weil Weihnachten ist, habe ich mir ein kleines Glöckchen ans Rad geschnürt, das vor sich hin bimmelt. Das finden insbesondere Kinder lustig, die mir auf dem Weg begegnen. Dann und wann lasse ich mich dazu hinreissen zum Bimmeln der Glocke ein freudig-erregtes Muhen von mir zu geben. Pünktlich zum Kaffee bin ich dann wieder im heimischen Stall. 85 Kilometer, es bleiben 327. #festive500, Tag 2: Nidda Stausee

Der dritte Tag fängt nicht besonders gut an, also entscheide ich mich für drei ausgedehnte Runden um mein Wohnhaus. Jede Runde zählt 27 Kilometer und das Allerbeste, ich könnte, wenn ich denn wollte jederzeit abbrechen und hätte nie mehr als 10 Kilometer bis nach Hause. Während der ersten Runde fahre ich im benachbarten Städtchen an einem Coffee-Bike vorbei. Crepes gibt es auch. Die Grundversorgung ist also gesichert. Kurzerhand verabrede ich mich mit Frau und Kind auf einen Stopp in Runde 2. Ein Espresso Doppio weckt vor sich hindämmernde Gute-Laune-Reserven und es gibt ein Küsschen vom Kurzen mit auf den weiteren Weg. Die dritte Runde radle ich einfach so weg, begleitet vom rhythmischen Stampfen einiger elektronischer Perlen aus den frühen Neunzigern. 82 Kilometer, 255 Kilometer insgesamt. #festive500, Tag drei: Sechsmal übern Berg

Tag vier von acht. Und wieder stehen Gewässer auf dem Programm. Bis in die frühen 90er Jahre war meine Heimat ein Braunkohlerevier. Zurück blieben einige Tagebaurestseen und Absinkweiher, die 2008 unter dem Namen Wetterauer Seenplatte zusammen gefasst wurden. Bei gutem Wetter lohnt es sich, die Seenplatte als Ganzes abzufahren. Am Ende des Tages hat man dann einen soliden Gran Fondo absolviert. An einem nebligen 28. Dezember wird man maximal von einem verdächtigen Huhn verfolgt. Erst stellte es sich mir in den Weg, dann lief es gackernd hinter mir her, kürzte anscheinend ab und tauchte wenige Meter später wieder vor meinem Rad auf. Als ich ihm jedoch anbot, mich zu einem Glühwein-Barbecue am frühen abend zu begleiten, nahm es jedoch Reißaus. 335 Kilometer geschafft, bleiben 165. #festive500, Tag 4: Wetterauer Seenplatte

Mit viel Wind und Regen werde ich am fünften Tag begrüßt. Eigentlich wollte ich heute flach, dafür aber lange dem Lauf der Nidda folgen, aber aus Gründen, einer davon ist ein in einen Acker umgewandelter Radweg, der mich schwer an den zweiten Tag des Candy B. diesen Jahres erinnerte, beschliesse ich schon nach kurzer Zeit auf eine Landstraße abzudrehen. Das geht aber auch nicht gut. Zu dicht fahren zu viele Autos zu schnell an mir vorbei. Habt ihr kein zu Hause? Also doch wieder Radweg. Aber die Luft ist definitiv raus. Nach 58 Kilometern und einigen auf der Strecke gelassenen Federn schiebe ich das Rad zurück in den Keller. Noch 107 Kilometer, zwei Tage verbleiben. #festive500, Tag 5: Scheisstag

Irgendwann in der Nacht kommt uns das himmlische Kind besuchen, bläst ums Haus und weckt mich, als es am Vordach rüttelt. Heute werden die restlichen Kilometer in Angriff genommen, denn ich habe meinem Kurzem versprochen, den morgigen letzten Tag des Jahres zu Hause zu bleiben. Nur wie? Auf 100 km Gegenwind habe ich keine Lust. Raus aus dem Wind, bedeutet rein in den Wald. Damit ist ein Plan gefasst. Die Hausrunde mal vier und der Drops ist gelutscht. Schon nach wenigen Metern auf dem Rad merke ich, dass die Beine heute gut sind. Die wenigen kurzen Rampen und die zwei längeren Anstiege pro Runde kann ich entspannt mit gutem Tempo hochfahren. Das fühlte sich vor wenigen Tagen noch anders an. Im Verlauf der letzten Runde erlaube ich mir eine kleine Variation, was ein paar Extra-Höhenmeter bringt. So addieren sich am Ende zu den 110 Kilometern noch fast 1.200 Höhenmeter. Just am höchsten Punkt der letzten Runde fängt es an zu regnen. Eiskalte winzige Regentropfen, die sich vom Wind getrieben wie Nadelstiche auf meiner Haut anfühlen. Und ich lache wie ein Kind, freue mich über den Regen und darüber, in den letzten Tagen fast trocken geblieben zu sein. Ab nach Hause… #festive500, Tag 6: Über den Berg

Am 31. sind Sohnemann und ich dann doch nochmal Rad gefahren, aber zusammen und nur zum Einkaufen. Die Festive ist eine Herausforderung, so oder so. Das Wetter hätte besser, aber auch deutlich schlechter sein können. Die Aufteilung der Gesamtdistanz war in diesem Jahr die einzig richtige Entscheidung, ich mag mein zu Hause, meine Familie und die Kekse einfach zu sehr und gebe mich gerne den Verlockungen hin. Frohes Neues wünsche ich Euch. Bleibt heil und fahrt Rad. Und redet drüber!