Heute kriegt ihr was auf die Ohren. Ihr habts verdient. Werbung ist es obendrein. Ungefragt und unbezahlt.

In der Zeit zwischen Oktober und März, wenn die Tage dunkler, kühler und die Nächte länger werden und das Befinden aus einem warmen grau in bodenlose Schwärze abzurutschen droht, bediene ich mich eines harmlosen, nichtsdestotrotz nicht nebenwirkungsfreien Mittels, um meine Dämonen zu besänftigen.

In den Achtzigern waren das Dead Can Dance, This Mortal Coil oder die Cocteau Twins. In den Neunzigern kamen Jan Gabarek, gerne mit dem Hiliard Ensemble und natürlich Björk und Sigur Rós dazu. Zu Beginn des neuen Jahrtausends (krass, oder) meditierte ich zu Arvo Pärt und Max Richter.

Und dann kam Netflix. 😉 Und mit ihm all seine Serien. Auch damit bekommt man einen Winter herum. Aber man fühlt sich satt, ohne befriedigt zu sein. Wie nach einer Packung Toastbrot. Eine dieser Serien oder vielmehr die Handlung in Verbindung mit dem Soundtrack, hallten noch lange in mir nach. Broadchurch… der Komponist, ein Isländer, heißt Ólafur Arnalds. Schnell lud ich mir bei einem Streamingdienst ein komplettes Album des Künstlers herunter. Und vergaß ihn danach wieder.

Wie das so ist, wenn man nicht mindestens einen Nachmittag in einem Plattenladen verbracht hat, um sich genau zu informieren, bevor man 20,00 Mark, also das Taschengeld eines ganzen Monats, investiert. Und ich weiss heute noch, was sich für Schätze zwischen meinen 800 physischen Tonträgern (also LP’s und CD’s) verbergen. Was an digitalen Leichen in meinem Datenkeller vor sich hinrottet, könnte ich auch unter Androhung von Folter nicht sagen. Zu groß das Angebot, zu schnell und jederzeit verfügbar. Beliebig! Denn ohne es zu merken, war ich in knapp zehn Jahren von einem Connaisseur zu einem Junkie geworden.

Früher trugen das ritualisierte Auflegen einer Platte, das knisternde Rauschen aus den Boxen, das Einpegeln des Verstärkers und das Artwork des Covers dazu bei, eine Platte (oder CD) nicht nur akustisch, sondern auch haptisch und visuell erlebbar zu machen. Und ich will mich verdammt nochmal an Musik erinnern und nicht Ersticken an Erbrochenem und Konserven!

Zwischendurch mal einen Hamburger zu essen ist ok, wenn man sich nicht ausschliesslich davon ernährt. Auch hilft es zu wissen, wie man kocht. Wieviel Zeit und Mühe man investieren muss, um ein Meister darin zu werden. Und ist etwas Meisterhaftes nicht viel zu schade, hinuntergeschlungen zu werden? Also, Licht aus, Ohren auf. Und ein Herr namens Nils Wülker, dessen Album ‚Decade‘ ich im Dezember entdeckte und das ich ohne Ablenkung ganz für mich alleine in einem abgedunkelten Raum genoss. Großartig!

Nochmal zurück zu Ólafur Arnalds… dieser schlich sich wieder in mein Bewusstsein. In Form eines 2018 veröffentlichten Albums namens ‚re:member‘. Eine Internetrecherche später war ich um die Info schlauer, dass Herr Arnalds im März in der Alten Oper Frankfurt zu Gast sein würde und ich beschloss, mir das Album in diesem Rahmen anzuhören. Und wurde akustisch und visuell nicht enttäuscht.

Eine weitere Entdeckung der letzten 3 Monate ist Nils Frahm. sein aktuelles Album heißt ‚All Melody‘. Mein liebstes Stück Musik von ihm ist allerdings sein Album ‚Screws‘ aus dem Jahr 2012. Wie dieser Mann so lange unter meinem Radar geflogen sein kann, ist mir ehrlich ein Rätsel. Auf einige meiner Playlisten hatte er es nämlich bereits geschafft. Aber von einer KI erzeugte Playlists sind morgen nichts mehr wert. Eben wie Fast Food.

Genug gemeckert. Mir ging es eigentlich nur um eins: lebt bewußt. Jede Sekunde. Es gibt zu viel Schönes, das ist nur sehr oft viel zu leise und klein. Für die heutige Nacht empfehle ich Euch das Album ‚Kites‘ von Submotion Orchestra oder auch ‚Universalis‘ von Hammock. Und oben genannter Nils Wülker spielt am 4.4.2019 in der Centralstation in Darmstadt. Wenn ihr hingeht, sehen wir uns. 🙂

Die Fotos des Konzerts von Ólafur Arnalds sind von Marc Wittenborn. Danke Dir!