Oder: Einfach mal im Kreis fahren.

Brevet mon amour. Um vier Uhr morgens steht bereits fest: ich bin ein Sieger, denn eine halbe Stunde vor der eingestellten Weckzeit bin ich bereits wach. „Erster!“, denke ich. Und mache die Augen nochmal zu. Aber mein rechtes Bein schiebt sich aus dem Bett, gefolgt vom Linken. „Muss wohl…“, murmle ich und stehe auf. Kaffee und Müsli gibt es im Stehen, danach stolpere ich in meine Radklamotten und zerre mich und mein Rad hinaus in die Dämmerung. Die morgenfeuchte Stadt ist noch unbelebt, ausser mir nur ein Bäcker, der vor seinem Laden steht und raucht. Anders am Bahnhof, dort starren Frühpendler Löcher in den Putz und buntes Partyvolk macht sich auf den Weg ins Bett. Ich fahre nach Lollar, zum Start eines Brevet, einer Langstreckenfahrt, die am Stück aus eigener Kraft innerhalb eines festgelegten Zeitfensters zurückgelegt werden muss. Und damit dabei alles mit rechten Dingen zugeht, gilt es einige Kontrollstellen anzufahren, um sich einen Stempel abzuholen. Für den heutigen Tag stehen 200 km durch hessische Mittelgebirgslandschaft auf dem Programm, die Schnupperdistanz sozusagen.*

Jesko und sein flinker Finger haben mich erwischt.

Na also, wer gute Beine hat, braucht kein Training.

Radfahrendes Volk steht vor einem Bürgerhaus, das heute unseren Start und hoffentlich auch das Ziel markiert. Unter vielen fremden finden sich auch zwei mir bekannte Gesichter, es sind Jesko und Ole. Und während man sich zum Gruppenfoto versammelt, erzählt Christian S. vom ARA Mittelhessen** etwas von knapp 1.000 Höhenmeter, die man nach den ersten 50 Kilometern in den Beinen haben wird. Mir fällt auf, dass ich mir das Profil der Runde nicht mal angeschaut habe. Das war, im Nachhinein betrachtet, auch kein Fehler. Pünktlich werden wir Randonneure auf die Strecke entlassen. Das Wetter meint es gut mit uns und ich fröhne dem Müßiggang. Sollen die Beine doch machen. Die fühlen sich gut an, viel besser zumindest, als erwartet. Na also, wer gute Beine hat, braucht kein Training. Ein leises perkussives Pling begleitet meinen runden Tritt und gibt den Takt vor für das Liedchen, das ich still vor mich hin trällere. Mann, ist das schön hier. Über ruhige Straßen rollen wir durch sonnige Ortschaften in denen rüstige Senioren fleissig ihre Besen schwingen, um dem Staub des Alltags Herr zu werden. Es riecht nach gemähten Rasen und Backwerk. Ausserhalb der Dörfer entweder Wälder oder Felder. Leider viel zu wenig Blumenwiesen… gibt es die eigentlich noch? Und tatsächlich sammeln wir Höhenmeter. Sogar erstaunlich steile.

Ein leises perkussives Pling begleitet meinen runden Tritt und gibt den Takt vor für das Liedchen, das ich still vor mich hin trällere.

Bei Kilometer 50, die erste Kontrollstelle liegt noch vor mir, meldet sich der Hunger mit der Vehemenz eines Holzhammers. Ich fummle eine Reservebanane aus meiner Trikottasche und fahre schmatzend weiter. Wieder ein Waldstück, wieder geht es bergauf. Das Sonnenlicht bricht durch die Äste und zaubert tanzende Schatten auf die Straße. Als ich den Wald an einer Kuppe verlasse, sind die Schatten immer noch da. Direkt vor meinen Augen. Und geradeaus fahre ich auch nicht, sondern unrhytmisch und in Schlangenlinien mit zitternden Beinen. Also halte ich an und versuche abzusteigen. Dank des Rades kann ich mich aufrecht halten, aber ich habe sehr weiche Knie. Auch die Arme zittern. Eigentlich zittert alles. Dabei ist mir gar nicht kalt. Aber übel. Einige Minuten sitze ich neben meinem Rad im Gras, bis sich die Schatten aufgelöst haben und das Zittern nachgelassen hat. Dann steige ich wieder aufs Rad, höre kurz in mich hinein und beschliesse, die Fahrt so bald wie möglich abzubrechen. Aber vorher plündere ich noch eine Bäckerei. Ich muss erbarmungswürdig aussehen, denn die liebe Bäckerin schenkt mir eine Schokobanane. 2.000 Kalorien später sitze ich in der Sonne und beobachte andere Randonneure dabei, wie sie an mir vorrüber fahren. „Eile ist heute aus…“, rede ich mir zu. Mit Süßem gefüllt und leidlich motiviert trete ich die Weiterfahrt an. Zur Abwechslung geht es stramm bergauf. Zum rhytmischen Pling gesellt sich ein synkopisches Knarz, das nicht gesund klingt , aber ich erreiche die erste Kontrollstelle in Hatzfeld. Welche passender Name. Aber hetzen lassen ist nicht, dafür gibt es Bratwurst, Cola, einen Stempel und ein bisschen Smalltalk fürs Gemüt. Und weiter gehts…

Ich muss erbarmungswürdig aussehen, denn die liebe Bäckerin schenkt mir eine Schokobanane.

Knarz, Ping, Knarz, Ping… keine Ahnung was da kaputt ist, ich tippe auf das Innenlager. Aber so genau möchte ich das momentan gar nicht wissen. Das Ortsschild Rosenthal-Rodas läutet die zweite Halbzeit ein, von nun an zähle ich rückwärts. Versuche, während der Abfahrten Kraft zu sparen, werden vom Gegenwind torpediert. Frustriert und genervt vom Wind, von den Steigungen und den Geräuschen meines Rades, halte ich und brülle eine Kuh an. „Du bist doch nur neidisch.“, sagt die Kuh und kaut wieder. So falsch liegt sie mit ihrer Einschätzung nicht, denn aktuell würde ich ihren Platz dem meinen vorziehen. Vielleicht hätte die Kuh ja Lust, sich in Schwalmstadt den zweiten Stempel abzuholen? Doch bevor ich sie fragen kann, dreht sie sich um und winkt mir zum Abschied mit dem Schwanz zu.

„100 gehen immer.“, hatte ich vor dem Start noch geunkt. Worauf Ole mir den kürzesten (und vermutlich ältesten) Radlerwitz aller Zeiten erzählte: „Wir fahren GA1!“. Was hatte ich eigentlich erwartet? Die letzten 100 Kilometer am Stück bin ich vor drei Monaten gefahren. Da dürfen sich die Beine schon mal überrascht zeigen, im Angesicht des stetigen Auf und Ab des Waldeckschen Uplands. Weil es aber gerade mal bergab geht und auch der Wind ein verdientes Päuschen macht, die Sonne scheint und ich hier sein kann, schleicht sich nun doch wieder ein Grinsen in mein Gesicht. Und als ich in Schwalmstadt einrolle, um mir meinen Stempel zu holen, habe ich fast schon gute Laune. Und an Abbruch denke ich nun auch nicht mehr. 60 Kilometer gehen immer….

Die Schokobanane sieht nach 90 Kilometern in der Trikottasche auch nicht mehr so richtig frisch aus, aber sie wirkt Wunder.

…so lange man, wie gerade im Anstieg vor Arnshain, nicht fast vom Rad steigen und schieben muss. Es ist Zeit, die Schokobanane zu aktivieren. Die sieht nach 90 Kilometern in der Trikottasche auch nicht mehr so richtig frisch aus, aber sie wirkt Wunder. Die Kette muss ich inzwischen per Hand auflegen davon überzeugen, auf das größte Ritzel zu wechseln. Aller Unmut ist einer Kontemplation gewichen, das Handeln reduziert sich auf das, was im Moment getan werden muss. Und weiterfahren gehört dazu. Vor lauter Besinnlichkeit, verpasse ich beinahe die letzte Kontrollstelle. Aus dem Augenwinkel nehme ich aber Ole wahr, drehe um und schwenke auf den Parkplatz eines Discounters ein. Von hier sind es nur noch 28 Kilometer. Und ich fahre nicht mehr alleine, den Ole wartet auf mich und gemeinsam rollt es sich einfach angenehmer.

Auf Fotos machen hatte ich einfach keine Lust. Aber Ole war so nett, mir dieses hier zu überlassen.

Vor Publikum zu fluchen macht einfach mehr Spaß, Gelegenheit dazu gibt es aber kaum noch. Die Hügel werden flacher, das Tempo zieht noch einmal an. Die Sonne verabschiedet sich mit einem furiosen Spektakel und unsere Lampen werfen zuckende Finger auf den Asphalt. Nach 10,5 Stunden rollen wir vor dem Bürgerhaus in Lollar aus. Ein kleines Buffett und Kaffee warten hier auf die Randonneure und zu dem letzten Stempel gibt es ein warmes Lächeln als Antwort, auf alle Fragen des Tages. Es ist erstaunlich lehrreich, einfach mal im Kreis zu fahren.

🙂 Danke Christian! 🙂

*Natürlich kann man 200 km auch ohne das ganze Brimborium fahren. Am Ende geht es auch hier (eigentlich) um nichts. Eine Erfahrung ist es aber wert.

**Wonach suchen? Brevet des Randonneurs Mondiaux (BRM) zum Beispiel oder Audax Randonneurs Allemagne (ARA) oder einfach ARA Mittelhessen.