Es ist zu lesen, dass etwa jedes 10. Kind ohne Vater aufwächst. Und man fragt sich, was die Abwesenheit des Vaters mit dem Kind macht? Männer die ohne Vaterfigur aufwachsen, erkranken z.B. häufiger an einer Depression. Das zumindest kann ich bestätigen. Jetzt fehlte mir nicht nur der Vater, sondern auch irgendwie die Mutter, die zwar physisch anwesend, aber zeitweise mit der Erziehung ihrer beiden Kinder völlig überfordert war.

Dafür hatte und habe ich eine große Schwester. Eine große Schwester mit noch größerem Herzen. An Vieles aus meiner Kindheit kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiss aber noch, dass ich einmal während eines gemeinsamen Spaziergangs im Wald mit Mutter und Schwester sehr müde wurde und nicht weiter laufen wollte. Irgendwann stand ich dann alleine am Wegesrand, ängstlich und heulend. Ich schrie aus Leibeskräften, wie eben nur ängstliche kleine Kinder schreien können. Selten hatte ich mich so verlassen gefühlt. Eine irrationale Angst im Wald gelassen zu werden hatte von meinem dreijährigen ich Besitz ergriffen. Da nützte es auch nichts, dass ich meine Mutter und Schwester weit vorne auf dem Weg sehen konnte. Meine Mutter hielt den Blick starr geradeaus. Aber meine große Schwester drehte sich plötzlich um, kam zu mir, nahm mich in den Arm, tröstete und trug mich den Rest des Weges*. In den Armen meiner Schwester fühlte ich mich sicher und geborgen. Meine tolle, mutige große Schwester war zu diesem Zeitpunkt 8,5 Jahre alt.

Als kleiner Bruder war ich aber auch nicht einfach. Die geschwisterliche Eintracht schien brüchig und wir konkurrierten um die selektive Zuneigung und Aufmerksamkeit unserer Mutter. Trotzdem schloss meine große Schwester mich nie aus, hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen, beschützte mich vor großen Jungs, begleitete mich auf meinem Weg als Chorknabe und zeigte mir als 16-jährigem die beschränkten Möglichkeiten des ländlichen Nachtlebens. Mit der Harmonie war es aber vorbei, als ich kackbratziger Spätpubertierender mich weigerte anzuerkennen, dass auch meine Schwester ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Sie zog aus, heiratete einen Mann, den ich nicht leiden konnte und ich mied für einige Monate den Kontakt zu ihr. Das änderte sich allerdings, als ich mit 17 das erste Mal Onkel wurde.

Heute, 32 Jahre später und um viele sehr schöne, aber auch unendlich traurige Erfahrungen reicher, gehen wir beide unseren Weg, sorgen aber dafür, dass wir uns dabei nicht aus dem Auge verlieren.

Anlässlich meines Geburtstags schenkte mir meine Schwester nun einen Wandertag im Vogelsberg, mit anschliessender Übernachtung in einem Weinfass. Bei sonnig-frostigem Wetter starteten wir unsere Wanderung am Backhaus in Rudingshain. Unser erstes Ziel war der Bilstein, dessen Gipfel mit dem beeindruckenden Rundumblick aus vertikal angeordneten Basaltplatten besteht.

Anschliessend führte unser Weg über den Hoherodskopf, dem zweithöchsten Gipfel des Vogelsbergs. Zwischen dampfenden Bäumen fingerte sich das Sonnenlicht durch die verdunstende Feuchtigkeit und Wassertropfen sammelten sich auf unseren Jacken. Über den freien Flächen des Gackersteins, dem dritten Gipfel unserer Runde, wehte ein kalter Wind und eine dünne Schneedecke, die von zittrigem braunen Gras durchbrochen wurde, knirschte unter unseren Schritten.

Am späten nachmittag erreichten wir zum zweiten Mal den Taufstein und bezogen eines der Weinfässer, legten die Beine hoch, sahen dem Spiel zwischen Sonne und aufziehendem Nebel zu und tauschten Kindheitserinnerungen aus. Meine große Schwester und ich.

*Wie lange oder wie weit sie mich trug, daran kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Auch nicht, warum wir im Wald unterwegs waren und wie wir dahin kamen.