Teil 1: Es geht los


Es gibt ihn wirklich. Und jeder hat ihn. Meiner stand jetzt fünf Jahre unterm Dach. Davor 15 Jahre im Keller. Unbeachtet. Ignoriert. Vergessen. Der Karton. Dinge, die man auf gar keinen Fall wegschmeissen darf. Zeugnisse der Vergangenheit. Und in meinem Fall auch ein Reisetagebuch aus dem Jahr 1996. Nichts als die Wahrheit.


31.8.1996, Friedberg (Hessen)

Wir. Sind. Müde. Vor knapp einer Stunde haben wir die letzte Kiste in unsere kleine Dachwohnung geschleppt. Nun sitzen wir hier, 30 qm studentisches Glück. Und ab morgen heißt es: 6 Wochen Croissants, Gauloises, Eclairs und Verständigungsschwierigkeiten. 6 Wochen mit dem Rad durch Frankreich. Adieu Allemagne. Bonjour France.

Sonntag, 1.9.1996, Freiburg im Breisgau

Planung ist das halbe Leben. Der Rest ist Glückssache.
Ob ich noch eine Freundin habe? Fraglich. Habe ich morgen einen Kater? Ich arbeite dran. Die Geräusche aus dem Zelt nebenan lassen darauf schließen, dass man sich dort nicht gestritten hat. Wir sind in Freiburg. Soweit der Plan. Eigentlich klappte alles ganz gut. Die ersten Kilometer unserer Tour endeten, ebenfalls planmäßig, am Bahnhof. Auf die Bahn war Verlass, pünktlich und sicher schaffte sie uns und die voll beladenen Räder nach Freiburg. Dort wollten wir meinem Cousin einen überraschenden Besuch abstatten. Er wiederrum überraschte uns mit seinem Umzug.
Versuche, ihn unter seiner neuen Telefonnummer zu erreichen scheiterten. Die Stimmung drohte zu kippen. Als Plan B wurde ein Campingplatz gesucht, inspiziert und für grauenhaft befunden, aber geht schon. Nur eine Nacht. Vielleicht die letzte, wie ich gerade erfuhr. Der Tropfen, der dass Fass zum Überlaufen brachte, ist grün und 3 m lang. Unser Zelt, mit zwei geräumigen Apsiden ausgestattet, so dass wir unsere Räder vor neidischen Augen verborgen und wettergeschützt unterbringen können, ist viel zu groß, viel zu schwer, viel zu unhandlich. Und vor allem haben wir es noch nie aufgebaut. Gerne hätte ich uns beiden dabei zugeschaut, wie wir uns dabei abmühten kreative Flüche zu erfinden, mit denen wir abwechselnd das Zelt, seine Designer und irgendwann auch uns bedachten. Und statt in trauter Zweisammkeit den ersten Abend unseres ersten gemeinsamen Urlaubs mit einem ersten Glas Rotwein in der Hand zu feiern, schmollt jeder für sich in seinem Schlafsack. Groß genug ist das Zelt ja und man kann sich aus dem Weg gehen.

Fortsetzung folgt …