Regionale Küche ist hip. Bärlauchpesto, Handkäs und Appelsecco erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kein Wunder also, dass die jungen Wilden unter Deutschlands Bikepackern nach Erfahrungen im Ausland nun vermehrt die Gaumenfreuden ihrer Heimat wieder entdecken. Jesko von Werthern ist einer von ihnen. Der 3-malige Finisher des Transatlantic Way Bike Race hat nun das „Taunus Bikepacking“ vorgestellt. Der fast schon zu profan klingende Titel verrät nichts über die Tiefe und Vollmundigkeit dieses Meisterstücks, dessen Zutaten und Zubereitung wir einer näheren Betrachtung unterziehen möchten.

Von Werthern ist ein Freund des Einfachen. So scheint es zunächst bei einem Blick auf die Liste dessen, was der gebürtige Hesse für sein Erstlingswerk direkt vor seiner Haustür fand:

3.800 km und 60.000 hm, pikant gewürzt mit einigen knackigen Trailpassagen. Das ganze ließ von Werthern 10 Monate köcheln und extrahierte so den Sud für eines der anspruchsvolleren Bikepacking-Abenteuer deutscher Lande. Über die sonnenverwöhnten Weinberge des Rheingaus zu den lieblichen Anstiegen des Nassauer Landes entlang der Lahn, zu den bisweilen schroffen Auf- und steilen Abfahrten von Hoch- und Hintertaunus.

655 Kilometer und ca. 12.500 Höhenmeter angerichtet für ca. 30 Personen.

 

Etappe 1: Hofheim – Weisel im Wispertaunus

Den Aperitif serviert uns von Werthern auf einer grünen Wiese in Hofheim. Eine gute Gelegenheit einige der anderen Gourmets näher kennen zu lernen. Nicht wenige von Ihnen stammen aus dem europäischen Ausland, aus Großbritannien oder den Niederlanden zum Beispiel, was ich dem ausgezeichneten Leumund des Zeremonienmeisters zuschreibe, der alle Ankommenden persönlich begrüßt und als bald das explorative Buffet für eröffnet erklärt.

Jeder Gourmet hat seinen eigenen Magen und genießt anders. Schon vor einiger Zeit habe ich aber die Langsamkeit für mich entdeckt. Fünf in etwa gleich große Portionen mit ausreichend Pausen dazwischen sollten es mir ermöglichen, nicht auf Grund von Verdauungsbeschwerden vorzeitig aufgeben zu müssen.

Eine Besonderheit der Komposition ist, dass sich diese zwar als Buffett genießen lässt, die Menüfolge aber vorgegeben ist. Alles beginnt mit einer leichten Vorspeise, einem Potpurri von Beton und Asphalt fein abgeschmeckt mit Schotter und sanft eingestreuten Auffahrten. Manchem mag die Würze zu schwach ausgeprägt sein, aber das ist die Handschrift von Wertherns. Wie in einem guten Krimi, wägt er die Rezipienten zunächst in Sicherheit. Kaum Höhenmeter, milde Luft, man rollt so dahin, ist sich aber bewusst, dass irgendwo der Axtmörder lauert.

Einen Vorgeschmack auf das was nun in lockerer Abfolge zu erwarten ist, bietet die Auffahrt zum Kellerskopf.

Ich halte einen Moment inne, denn bereits nachdem Entree klingen meine Geschmacksnerven. Eine kurze aber flowige Trailabfahrt beruhigt meine angebrachten Selbstzweifel und lindert das bereits aufkommende Sättigungsgefühl. Dazu trägt auch die Landschaft bei. Wie gemalt wechseln sich Wald, Wiesen und Dörfer ab, es duftet nach Sommer und der milde Wind weht mir den Geruch reifen Obsts in die Nase. Schon sehe ich drei Gäste am Wegesrand, die sich an Hängeobst gütlich tun. Mir steht aber nicht der Sinn nach Pflaumen und Co. und so folge ich den Brotkrumen die die Gaumenfreuden miteinander verbinden. Überrascht und unvermittelt finde ich mich aber bald abseits des Buffetts wieder. Alles um mich herum ist grün und vor mir kein Weg mehr zu erkennen. Also schultere ich mein Geschirr und trage es mehrere hundert Meter, bis ich aus dem Dickicht tretend wieder die ausgelegte Spur wiederfinde. Gerade noch rechtzeitig, um 10 Kilometer Abfahrt mitzunehmen, die alle Mühsal vergessen macht. Vorbei an seltenen Orchideen führt der Weg in Schleifen und weiten Kurven durch den Wald und die seltenen Gegenhänge fallen kaum ins Gewicht. An der Laukenmühle im Wispertal werde ich aus dem Wald entlassen und genehmige mir eine längere Pause. Ausserdem steht mir der Sinn nach Gesellschaft und so spreche ich einen der anderen Gäste an, Christian heißt er, die Chemie stimmt und steckt an, denn bald sind wir zu viert, nachdem sich uns Tim und Jochen angeschlossen haben.

 

Die Hälfte meiner Tagesration habe ich bereits aufgegessen und mir steht der Sinn nach mehr. Mehr Sehen, mehr Riechen. Auch die anderen werden unruhig und möchten die geleerten Teller gefüllt wissen. Auf einen kurzen Absacker den man einfach laufen lassen kann, folgt eine triste Melange aus Höhenmetern auf steinigem Untergrund an Hartholz. Genuss muss man sich manchmal hart erarbeiten. Meine Tischnachbarn verlasse ich für einen Moment und versuche mich an einem Zustand kontemplativer Gleichmütigkeit, was mir nicht recht gelingen will. Im Unterbewusstsein machen sich langsam Zweifel breit… muss das wirklich sein? Dieses stumpfe Berghochtreten trifft so gar nicht meinen Geschmack. Kurz bevor meine Stimmung kippt, bekomme ich aber einen Ausblick serviert, der schöner gar nicht hätte sein können. Über mir nur der Himmel und unter mir schier endlose Reihen von Weinreben und ganz weit unten der Rhein, auf den ich mich schon sehr gefreut hatte. Bremsen auf und laufen lassen. Und jetzt erkenne ich auch den strategischen Genius unseres Küchenmeisters… er zwingt uns Entbehrlichkeiten auf, um uns die vollmundige Schönheit des Ganzen vor Augen zu führen. Er will nicht gefallen, er will, dass wir erkennen, dass vor jedem Genuss die Arbeit steht. Statt Müßiggang fordert er Interaktion und Einsatz. Und wer die Bereitschaft zu leiden nicht mitbringt, dem bleibt die bewußtseinsöffnende Erfahrung dieses Mahls verborgen. Im Geiste verbeuge ich mich. Mit dieser Erkenntnis im Gepäck rolle ich an Schloss Johannisberg vorbei.

Bei Geisenheim treffe ich auf den Rhein und beschliesse, dass es an der Zeit ist ein Bad zu nehmen, denn der Zwischengang führt uns für 10 Kilometer am alten Gevatter entlang, bevor er staubig und steinig erst zur Ruine der Burg Ehrenfels und anschliessend zum Niederwalddenkmal führt. Die nötige Schärfe verleihen hier die Zugabe zweistelliger Steigungsprozente. Keiner meiner Tischnachbarn ist in Hörweite, so liegt der Schluss nah, das sich das asthmatische Schnaufen meiner Kehle entrinnt. Statt Wein gibt es Wasser aus der Flasche und ich glaube, nie etwas Besseres getrunken zu haben. Am Denkmal ist wie zu erwarten jede Menge Volk unterwegs. Ein kultureller Snack, der auf der Checkliste deutscher Sehenswürdigkeiten eher im oberen Drittel angesiedelt ist. Mein Geschmack ist es nicht, die unweit gelegene Robert-Weber-Hütte jedoch, bietet einen gleichwertigen, wenn nicht noch höher zu bewertenden Blick auf das Mittelrheintal ohne patriotisches Geplänkel und ist mir daher lieber.

 

Auch Christian treffe ich hier wieder. Ich weiß nicht, wie es ihm geht, aber ich bin schon ziemlich satt und nach dem Essen soll man ja bekanntlich ruhen. Und eigentlich ist dieser ruhige Ort wie geschaffen dafür. Blick auf den Rhein, die Sonne blinzelt über die Baumwipfel, eine kleine Hütte bietet Schutz für den sehr unwahrscheinlichen Fall eines Regengusses. Perfekt! Warum wir nicht einfach unserem Bauchgefühl gefolgt sind, weiss ich nicht. Fakt ist, dass wir die müden Glieder nochmal erheben, um zumindest noch ein paar leicht verdauliche Häppchen zu uns zu nehmen, bevor wir schlafen gehen. Da haben wir aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ein Blick auf die Menükarte hätte genügt, um zu erkennen, dass der malerisch gelegenen Hütte zwar eine Abfahrt folgt, die wiederrum aber nicht unbedingt zu einem geeigneten Schlafplatz führt. Im Licht der untergehenden Sonne durch die Weinberge zu rollen ist allerdings unbezahlbar. Am Ende der Abfahrt liegt das momentan wenig beeindruckende und wenig einladende Lorch. Das kann auch anders, nur heute nicht. Nicht für mich. Also weiter. Ein besonders saftiges Stück liegt nun auf meinem Teller, über Lorchhausen hoch zum Engweger Kopf, ein weiterer landschaftlicher Höhepunkt, wir verlassen den Rheingau und bewegen uns nun im Rheinland-Pfälzischen Hintertaunus. In Weisel im Wispertaunus ist dann Schluss mit lustig.

Der Tag schließt mit einer großen Portion Trailmagic (Danke Andrea!), einem Bier und einer Gartenwiese im Schlafsack mit Blick zu den Sternen.

 

Etappe 2: Weisel – Oberbrechen

Verblüffenderweise habe ich kurz nach dem Erwachen schon wieder Hunger und ein Blick aufs Buffet vermittelt Vorfreude auf das, was kommen wird. Als Starter ein zahmes Wellenprofil, danach geschmackvoll angerichtete Radwege mit wenigen kurzen Rampen, garniert mit kulturellen und landschaftlichen Highlights. Nur die Hitze könnte zum Problem werden. Die ersten 10 Kilometer rollen wir meistens bergab, im noch von der Nacht feuchten hohen Gras übersehe ich eine Spurrille und nehme eine Bodenprobe. Dabei wird auch einer meiner Flaschenhalter in Mitleidenschaft gezogen, was mir allerdings erst später auffallen wird.

Körperlich weitestgehend unversehrt geht die Reise weiter.

Bei Patersberg lädt der Drei-Burgen-Blick zu einer kurzen Pause ein. Unter uns liegt St. Goar in der Sonne. Über den westlichen Mitteltaunus und eine leicht verdauliche Abfahrt im Lahnsteiner Wald erreichen wir kurz vor Miellen die Lahn. Einfach schön hier. Aber heiß! Braun von allen Seiten, wie im Toaster. Und ich habe Kaffeedurst, trotz der Hitze. Zum Glück rollen wir gerade durch Bad Ems. Was den Charme dieses Städtchen an der Lahn ausmacht, ist schwer zu erklären. Ein bisschen mondän, ein bisschen piefig, dem Gestern verpflichtet, aber den Blick auf Morgen gerichtet. Und ausserdem beginnen ungefähr hier die flachsten 70 km unserer Taunusumrundung, denn wir folgen dem Verlauf der Lahn. Auf dem Flüsschen treiben träge ein paar Kanuten auf der Suche nach Schatten, denn inzwischen ist das Thermometer auf respektable 36°C geklettert. Bei Gabelstein müssen wir ein bisschen klettern, dafür werden wir am gleichnamigen Aussichtspunkt wieder mit einem Elitepanorama belohnt. Über flirrende Felder grüßt uns Schloss Schaumburg. Da mein Körper schon lange in den Automatikmodus geschaltet hat, bedarf er dringend einer Abkühlung. Die findet sich genau im richtigen Moment in Form eines Baggersees bei Diez.

36 Grad und es wird immer heißer…

…was sich in einem Club noch gut anfühlt, zieht Dir auf dem Rad den Stecker. Das kann nicht gesund sein, trotz der Elektrolyte und des Sunblockers. Die Gespräche mit meinem Tischnachbarn Christian Smalltalk zu nennen, wäre übertrieben. Jeder gleitet in seiner eigenen Welt dahin. Aber irgendwie ist es auch geil, schnaufen und schwitzen, nicht denken, schauen und gleich wieder vergessen. Verarbeitet wird später. Und immer heißer wird es. Große Freude, wenn sich die Möglichkeit einer Abkühlung ergibt. Das Gefühl, wenn du dein mit kaltem Wasser getränktes Radkäppi aufsetzt und es Dir erfrischend über den Nacken und den Rücken läuft. Friedhöfe sind immer eine gute Anlaufstelle, um Wasser aufzunehmen. Am Anfang kam ich mir dabei irgendwie respektlos vor, inzwischen überwiegt das Bewusstsein, dass es notwendig ist, um die Tour komplett fahren zu können. Heute ist trinken wichtiger als Essen. Aber ein Eis geht immer. In Limburg gibt es eine Portion Pistazie-Zitrone. Der Kopf sagt ‚Ja‘, die Beine ‚Nein‘, aber ein bisschen was geht noch. Jeder neue Höhenmeter fährt sich ein bisschen langsamer als der Vorige und bald ist endgültig Schluss. Meine Tagesration habe ich immerhin geschafft. Pause – aber die Hitze bleibt. Ein Anruf zu Hause ist jetzt wichtiger als Isomatte oder Schlafsack. Balsam für die Seele. Danach einfach hinlegen und auf den Schlaf warten. Und schwitzen. Kopf aus, Nacht an. Augen auf, Sterne ziehen. Im Halbschlaf wirre Träume von Bäumen die auf einmal zum Leben erwachen. Augen auf… war da was? Ein Fuchs steht unweit unseres Lagerplatzes und schaut. Ich schaue zurück. Er nickt und zieht weiter. Sieht struppig und viel zu dünn aus. Nachdenken über den Fuchs. Nachtschwarze Kühle steigt auf. Schlafen. Schluss.

 

Etappe 3: Oberbrechen – Haintchen

6.30 Uhr, T-Shirt-Wetter. Der erste Stop an einem Friedhof. Katzenwäsche und Wasser auffüllen.

Kein Kaffee, dafür Höhenmeter satt. Und warm soll es auch wieder werden. Und kein See oder Fluss auf dem Weg. Und noch etwas ist heute anders. Mal reinhören. Ahhh, die Beine sinds. Fühlen sich gut an.

Außer Christian und mir sind nur Rehe unterwegs… und Hunde samt Frauchen. Und Pferde, die verbranntes Gras fressen. Es regt sich kein Wind. Die Sonne taucht alles in goldenes Licht. Ich bin glücklich und hoffnungsfroh. Unser Weg ist kein Weg, vielmehr eine stoppelige Furche in einem verdorrten Acker. Wer braucht Schotter, wer Asphalt? Nicht zum letzten Mal bin ich dankbar für die dicken Reifen meines geliehenen Rades. Langsamer, ja. Aber der Komfort ist dem Genuss mehr als zuträglich. Und unter uns… ein Rennfahrer werde ich nicht mehr, also was solls. Im beschaulichen Hahnstätten gibt es bei einem Bäcker erstaunlich guten Kaffee und noch kann man in der Sonne sitzen. Um kurz vor acht herrscht in dem Örtchen emsiges Treiben. Mamas und Papas bringen ihre Kinder zur Schule, zu Fuss oder im SUV, doch vor der Grundschule findet sich ums Verrecken kein Parkplatz mehr. Die Stimmung ist angespannt. Ein fast leerer Schulbus hält und Kinder tröpfeln heraus. Auf dem Radweg davor und dahinter parken Autos, Türen werden aufgerissen. Tumultartige Szenen.

Kein Platz für Radfahrer. Die verlassen die Stadt in Richtung des grünen Bands am Horizont.

Auch heute hat von Werthern das Buffet mit zahlreichen Burgen und Schlössern dekoriert. Teils in ruinösem, aber auch in bewohnbarem Zustand, wie z.B. Burg Hohlenfels, 1353 bis 1363 über dem Hohlenfelsbachtal erbaut. Oder auch eine der größten Burgruinen im Taunus, Burg Hohenstein. Diese liegt, wie der Name unschwer vermuten lässt, auf einem hohen Stein und ist daher bereits von der gegenüberliegenden Talseite zu sehen. Eingebettet von Bäumen, wacht die Burgruine über das Tal. Das ist zuviel Romantik für mein Gemüt, vor Ergriffenheit lasse ich ein paar Tränen fließen. Unser Weg führt an der Burg vorbei, samt einer Steigung von fast 22%. Normalerweise würde ich schieben. Heute nicht! Ich möchte zum einzigen Checkpoint der Strecke, meinen Stempel abholen. Den Beweis, die Hälfte hinter mir zu haben. Und eigentlich hatte ich damit gerechnet, den Checkpoint weiter oberhalb der Burg zu finden. Aber nein, Kartenlesen bildet, denn Oberdorf ist nicht Steckenroth. Sieben Kilometer liegen noch zwischen mir und meinem Stempel. Mit wehenden Fahnen fahren wir als Trio dem Checkpoint entgegen, denn unterwegs haben wir Martijn aus Holland aufgesammelt. Der Herr der Stempel ist von Wertherns Vater, der uns fürstlich bewirtet. Fruchtsäfte, frisches Wasser, Cerealien, Kartoffelsalat, Gegrilltes vom Vortag – und aus dem kurzen Stop wird eine lange Pause. Inzwischen kann man sich nur noch im Schatten aufhalten, so heiß ist es. Heute knacken wir die 40°-Marke. Nicht die allerbesten Aussichten in Anbetracht der Kilometer über meist offenes Land, die heute noch vor uns liegen.

Wir drücken uns fast zwei Stunden im Schatten herum und dann springen wir nacheinander in den Grill.

Zumindest bin ich nicht ausgekühlt, soviel ist sicher. Ausgetrocknet greife ich alle paar Sekunden zu einer meiner Wasserflaschen, außerdem wechsle ich immer dann die Wegseite, wenn sich dadurch die Möglichkeit ergibt, im Schatten zu fahren. Die Luft steht, die Hitze hat etwas Physisches, ist eine Wand die man durchbrechen muss. Nach einigen Kilometern des Luftschneidens kann ich wieder zu Martijn aufschließen. Und so wie es aussieht liegen bis Idstein fast 10 km Abfahrt vor uns, unterbrochen nur von einem weiteren, aber kurzen Uphill. Im Verlauf des Downhills macht sich schleichender Luftverlust am Hinterrad bemerkbar und hat ein zunehmend schwammiges Fahrgefühl zur Folge. Eine erste Inspektion bringt keinen Erkenntnisgewinn, also pumpe ich lediglich Luft nach. Nach wenigen hundert Metern ist der Reifen aber wieder platt. Jetzt kann man es auch hören… FlappanFlappanFlappan. Ein kleiner Nagel hat den Reifen perforiert. Das Problem kann man lösen, die Dichtmilch erfüllt ihre Zweck und wir rollen nach Idstein. Ein Eis und eine Tasse Kaffee sollen die matten Lebensgeister reaktivieren, das gelingt allerdings nur mäßig…. und ich bin total genervt von der Hitze. Zu allem Überfluss verfransen wir uns in der Idsteiner Altstadt. Nur wenige hundert Meter, aber mir ist gerade alles zuviel. Schon wieder geht es berghoch, über kochenden Asphalt. 10 km lang schimpfe ich über Gott und die Welt, dann versöhnt mich eine Abfahrt mit meiner Umwelt. In Bad Camberg rollen wir entspannt am Feierabendstau vorbei. Wieso gibt man sich sowas freiwillig? Unsere PKW-Abhängikeit trägt pathologische Züge.

Wir schnüren uns sprichwörtlich die Luft ab, bis es zu spät ist. Bequemlichkeit über Vernunft.

Verlässt man Bad Camberg in Richtung Selters, ist man bald wieder von Wald umgeben. Den Tag möchten wir, wenn möglich in einem ländlichen Gasthof mit Übernachtungsmöglichkeit beschließen, denn eine Dusche tut Not. In Haintchen bei Selters finden wir beides, wenn auch nicht in Personalunion. Unterkunft und eine Dusche finden wir in einem Seminarhaus. Im Waschbecken lasse ich die Radklamotten einweichen, während ich mich unter die kalte Dusche stelle. Kaum habe ich die Dusche verlassen, läuft schon wieder der Schweiß in Strömen. Im Waschbecken haben meine Klamotten graue Ränder hinterlassen. Toll, jetzt kann ich auch noch putzen. Die Schwüle ist unerträglich, aber aus der Ferne kündigt ein tiefes Grollen ein sich näherndes Gewitter an. Anscheinend hat dieses aber kein Visum für Haintchen, denn es zieht vorbei. So bleibt die Hitze und raubt mir den Schlaf. Den Wecker habe ich auf 4.30 Uhr gestellt, brauche ihn aber nicht, denn wach bin ich sowieso. Inzwischen nieselt es zumindest. Den Schweiß und die Müdigkeit dusche ich mit kaltem Wasser ab. Dann packe ich mein Geschirr und trete den Weg zum Buffet an, denn der Appetit kommt schliesslich beim Essen.

 

Etappe 4: Haintchen – Kittelhütte/Schmitten

Hell möchte es heute nicht werden. Zumindest jetzt noch nicht. Es tröpfelt, mal mehr, mal weniger. Offensichtlich schlafe ich noch, denn ich könnte im Nachgang nicht sagen, was bis zur Einfahrt in Weilburg passiert ist. Die Cafes öffnen erst um acht, stelle ich erstaunt fest. Aber das Frühstücksbuffet einer fahrenden Bäckerei sieht einladend aus und bald stehen wir kauend im Regen. Ohne Kaffee… den Verlockungen eines Imbisses an der Lahn widerstehen wir nach einem Blick durch die verdreckte Scheibe.

Traurige Gesichter vor halb geleerten Gläsern und eine verstaubte Kaffeemaschine die darauf wartet mal wieder benutzt zu werden.

Normalerweise bin ich in Ausnahmesituationen nicht wählerisch was Kaffee betrifft, doch das ist mir zuviel Tristesse. Bewegung macht ja auch wach. Es nieselt immer noch, dafür liegen die Temperaturen in einem angenehmen Bereich. Bis Philippstein wechseln sich Forst- und Feldwege ab. Über einen Trail gelangen wir zu einer Burgruine und schauen rüber zum Schloss Braunfels, das wir uns wenig später auch aus der Nähe anschauen können. Vorher gibt es aber eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne in einer Bäckerei. Besser als nichts. Und eine weitere sehr, sehr, sehr schlechte, sehr, sehr, sehr überteuerte Tasse Kaffee aus dem Automaten irgendeines Hotels in der Altstadt. Direkt unterhalb des Schlosses in Braunfels finde ich mich unmittelbar vor dem Wohnhaus meines Neffen wieder. Und. Er. Ist. Zu. Hause. Warum sonst sollte das Fenster in der Küche offen stehen? Weht mir da nicht der Geruch von frisch Gebrühtem um die Nase? Ich widerstehe dem Impuls zu klingeln, möchte lieber weiterfahren. Ja, manchmal verstehe ich mich selber nicht.

Wo einst Panzer übten, fühlen sich heute der Kammmolch, die Bechsteinfledermaus, die Zauneidechse und andere schutzbedürftige Arten heimisch. Und auch der gemeine Radfahrer kann dem Weinberg Wetzlar viel abgewinnen, Schafe grasen am Weg und aus der Ferne grüßt der Wetzlarer Dom. Immer wieder fahren wir an schmucken Fachwerkhäusern vorbei. Die Art an deren Türen man gerne mal klopfen würde. Während des Schauens sammeln wir mehr oder weniger unbemerkt Höhenmeter um Höhenmeter. Die Ortschaften die wir passieren kenne ich gut von meinen Hausrunden mit dem Rennrad oder Mountainbike. Vom Hausberg bei Butzbach z.B. trennen mich nur 13 km Luftlinie von zu Hause und in der Tat denke ich eine Sekunde lang darüber nach, ob sich ein Abstecher lohnt. Da würde aber ausser dem Hund niemand auf mich warten, der Kleine ist in der Schule und Silke im Büro. Also weiter. Ein drückend schwüler nachmittag hat den regnerischen vormittag abgelöst und um unsere Trinkflaschen aufzufüllen schlage ich vor, am Jugendhaus Hubertus Halt zu machen. Dort findet sich aber weder eine Menschenseele, noch ein funktionierender Wasserhahn am Haus. Also muss wieder ein Friedhof herhalten. Gestorben wird überall, zumindest theoretisch sollten wir also innerhalb der nächsten zehn Kilometer an Trinkwasser kommen. Und tatsächlich sind es auch nur fünf.

 

Man muss nicht rätseln, warum der Hochtaunus Hochtaunus heißt, oder? Heute auf der Speisekarte stehen 9 Erhebungen über 400 Meter und wir nähern uns dem großen Feldberg, mit über 800 Metern der höchste Punkt des Taunus Bikepacking. Noch sind wir aber oberhalb von Eschbach und fahren an den gleichnamigen Klippen entlang. Danach hangeln wir uns von einem kleinen Gipfel zum anderen, bis es wieder an der Zeit für eine ausgedehnte Pause ist. In Rod an der aktuell wasserlosen Weil finden wir unser Heil in einem großen Supermarkt mit Frischetheke und angeschlossener Bäckerei. Und bekommen Besuch. Mein Sohn wollte mich unbedingt an der Strecke anfeuern, nun kann er mit mir zu Abend essen.

Pausen sind schön, ihre Folgen tückisch. Und so komme ich nach 1,5 Stunden Familienzeit kaum aus dem Quark. Es hilft zu wissen, dass ich mein Tagesziel beinahe geschafft habe. Auf der anderen Seite… sehr weit ist es nicht mehr bis zum Feldberg und eigentlich geht es nur noch bergab, wenn man das Offensichtliche ignoriert. Tatsächlich erwarten uns zwei sehr schöne Abfahrten ab der Riedelbacher Heide und im Licht der Abendsonne zerschneiden unsere Schatten den Ashphalt. Die Auffahrt von Niederems zum Feldberg weist einen eklatanten Mangel an Schutzhütten auf und so sind wir nicht wählerisch, als wir direkt an einer Landstraße eben solche finden und Quartier beziehen. Froh, platt und voller Vorfreude krieche ich in meinen Schlafsack und bin kurz darauf eingeschlafen.

 

Etappe 5: Kittelhütte/Schmitten – Hofheim

Um 6.00 Uhr sitzen wir bereits wieder im Sattel und schnaufen durch den bis auf uns menschenleeren Wald. Dafür ist aber wieder allerhand Getier unterwegs. Vornehmlich Rotwild, aber auch ein Fuchs lässt sich blicken. Mir fällt auf, dass ich in den letzten Tagen sehr viel Wild gesehen habe. Mehr als sonst? Möglich, dass der Nahrungsmangel in Folge der Wasserknappheit die Tiere zwingt ihre Bewegungsradien zu erweitern. Die vorbeiradelnden Säugetiere werden ignoriert. Kurze Traileinlagen verhindern, dass wir wieder einschlafen. Querende Wurzeln und Steine, ich fühle mich zu Hause. Und freue mich über meine Kletterhilfe mit 50 Zähnen. Das sieht zwar richtig Scheisse aus, aber so kann ich hier locker hochtreten. Da taucht bereits der Feldbergturm rechts von uns auf. So nah, dass ich ihn greifen könnte. Aber vor mir liegt noch diese Rampe im zweistelligen Prozentbereich. Weg damit! Lachend radle ich auf das Feldbergplateau.

Das ist kein so schlechter Start für einen Wochentag. Unter uns ziehen dunstige Schwaden über Schmitten und wir stehen in einem Blumenmeer.

Vor uns liegen ca. 10 km Abfahrt und am Ende wartet ein Frühstück in Schmitten auf uns. Tiffany soll nach Hause gehen. Und wer schnell fährt, kann länger essen. Dafür brauchen wir dann für die Auffahrt auf den Pferdskopf fast eine halbe Stunde für vier Kilometer. In der Tendenz fahren wir aber immer weiter in Richtung Usatal. Die Usa ist ein kleines Flüsschen, unweit meines Wohnortes. Mal lag ich im Winter drin, weil ich mich bei der Abfahrt mit einem Schlitten verschätzt hatte, mal im Sommer, als ich nach einem starken Regen (Was ist das?) die Hochwasserlage mit einem altersschwachen Schlauchboot erkunden wollte. Ein Heimspiel also. Bei milden Temperaturen und eitel Sonnenschein rollen wir an Neu-Anspach, Wehrheim und Kransberg vorbei. In letztgenanntem steht ein Schloss, um dessen Turm sich Sagen ranken. Wir fahren drumrum, den schöneren Blick hat man aber von der gegenüberliegenden Talseite aus der Otto-Sachs-Hütte. Auch der Trail auf der anderen Seite ist empfehlenswert, wir fahren jedoch auf dem Usatalradweg weiter nach Langenhain. Die Auffahrt zu meinem persönlichen Hausberg läutet ein Steinmassaker ein, eine steile Rampe, die mit bruchfesten faustgroßen Steinen befestigt ist, aber eben nicht so flächig, dass sich darauf angenehm fahren ließe. Hier versuche ich meist links vom Weg zu bleiben, um die 10 cm Erdstreifen zu erwischen. Auf unserem Weg kommen wir an mit Graffiti verschönerten Bunkeranlagen vorbei. Wie so vieles im Usatal eine Hinterlassenschaft eines gewissen Herr Speer, der allerdings bei seinem Arbeitgeber damit wenig punkten konnte.

Vor Jahren hat ein Amphibienzüchter unterhalb des Wintersteins einen Teil seiner Tiere auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz ausgesetzt. So erzählt man sich…. heute ist das Gelände Naturschutzgebiet und eine Station des Amphibienlehrpfades. Gefühlt ist man hier ganz weit draußen. Alles sieht ursprünglich und naturbelassen aus. Und tatsächlich wird darauf geachtet, dass sich Flora und Fauna hier weitgehend ungestört entfalten können. Das Paradies wird von brüchigen Betonplatten abgelöst und wir schwenken rechts ein, um den nächsten Gipfel in Angriff zu nehmen. Zuvor legen wir aber eine Pause am Winterstein Holzturm ein. Von seiner Aussichtsplattform kann ich unser Haus sehen. Das weiss ich, auch ohne hinauf klettern zu müssen und auf den Felsen am Fuss des Turms, lässt es sich entspannt in der Sonne herum gammeln.

Um zum Steinkopf zu kommen, fahren wir wieder einen Trail, dabei fällt mir auf, das der heutigen Ration auffallend viele Trails beigemischt sind. Das erntet mein Wohlwollen, denn es sorgt für Abwechslung. Aber jeder Jeck ist anders und der Untergrund aus rollenden Steinen und querenden Wurzeln liegt manchem Gast sehr schwer im Magen. Das mir bekannte Terrain zaubert mir ein ums andere Mal ein Grinsen ins Gesicht, wir fahren an einigen meiner Lieblingsplätze vorbei. Zu Hause ist es doch am Schönsten. Unweit eines Bundeswehrdepots stören wir die Dreharbeiten für irgendwas. Und Action… Aus, Aus… was machen die Radfahrer im Bild?

 

Das Thermometer zeigt kurz vor nackig, als ich auf den Brustwarzen kriechend eine Tankstellenangestellte mit meiner EC-Karte bedrohe und die Herausgabe der Wasserreserven fordere. Sie zeigt Mitgefühl und besänftigt mich mit einem Eis.

Vor der Tanke warten Martijn und 250 Höhenmeter bis zum Herzberg auf mich. Inzwischen ist es so schwül, dass das Einatmen einem Gurgeln gleicht. Und tatsächlich sind für den nachmittag schwere Gewitter angesagt. Für Abkühlung sorgt lediglich die Abfahrt zur Hohemark. Noch ein nennenswerter Anstieg trennt uns noch von Hofheim, denke ich mir. Aber das sollte man bekanntlich den Pferden überlassen. Kurz unterhalb des altköniglichen Gipfels erwischt uns das schlechte Wetter dann. Wind zerrt an den Nerven und den Ästen über uns. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendwas bricht. Wir lassen es nicht darauf ankommen und flüchten uns in eine Gastwirtschaft am Fuchstanz. Der Eintrag ins Gipfelbuch fällt heute aus. Noch knapp 30, vermeintlich flache Kilometer liegen vor uns, also stellen wir uns nach einer kurzen Pause den Kollegen Wind und Regen. Und tatsächlich vernichten wir zunächst auf einem dutzend Kilometern über 400 Meter Höhe. Das ist schön! Wie schlecht es um die Verfassug meiner unteren Extremitäten steht, erfahre ich schmerzhaft als wir wider Erwarten doch nochmal in luftige Höhen aufsteigen müssen. Der Kasiertempel oberhalb Eppsteins möchte erobert werden. Der Blick rechtfertigt die Mühe. Nass und schwer liegt eine Wolkendecke über dem nach Nässe lechzenden Tal. Ich möchte nach Hause. Möchte meinen Sohn und meine Frau wieder sehen und in den Arm nehmen können. Durst ist eben doch nicht schlimmer als Heimweh. Mit wehenden Fahnen stürzen wir uns in die Abfahrt nach Hofheim und auch umgestürzte Bäume können uns nicht aufhalten. Als wir nach 655 km auf den Hof der kleinen Bergkapelle in Hofheim einrollen, nimmt uns der Küchenmeister persönlich im Empfang.

Fazit

Niemals hätte ich behauptet, meine Heimat in und auswendig zu kennen. Am Ende war ich aber doch überrascht, dass ich keine Ahnung hatte, wie wunderschön und vor allem vielfältig der Taunus sein kann. Und doch… es gibt noch mehr zu entdecken. Und so freue ich mich schon auf die nächste Einladung im kommenden Jahr.